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Israel / Palästina - Nahostkonflikt (4)

Hintergrundinformationen, Dokumente und Links zur Geschichte Palästinas und Israels

Auf dieser Seite:
4. Nach dem Zweiten Weltkrieg: UN-Teilungsplan, Gründung Israels und die Folgen bis nach dem Sechstagekrieg
a) Chronologie
b) Inhaltliche Ergänzungen: Unabhängigkeitskrieg / 1948/67: Kampf um Jerusalem / Sechstagekrieg: Präventivkrieg oder Expansionskrieg?

Auf den vorherigen Seiten:
1.  Links zu Seiten im Internet und bibliographische Hinweise zu Büchern >hier

2. Daten zur Geschichte Jerusalems, des Alten Israel und der Provinz Palästina vom Altertum bis zum Ende des Mittelalters >hier

3. Palästina vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg >hier
a) Chronologie, b) Inhaltliche Ergänzungen

 

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Spektroradiometrisches Satellitenbild des Nahen Osten mit den eingezeichneten Grenzen von 1949.
Wikimedia Commons

4. Nach dem Zweiten Weltkrieg:
UN-Teilungsplan, Gründung Israels und die Folgen bis nach dem Sechstagekrieg

a) Chronologie

 

 

 

22.3. 1945

Gründung der Arabischen Liga in Kairo.

 

Mai – Dezember 1945

Nach dem Ende des Krieges warten ca. 300.000 Überlebende der Shoa als Displaced Persons auf die Emigration. Die Forderung von US-Präsident Truman 100.000 nach Palästina einreisen zu lassen wird von den Briten abgelehnt. Die USA selbst haben erst 1944 ihre Einreisebestimmungen gelockert.
Die zionistische Führung stellt die Maximalforderung eines „jüdischen Staates Palästina“ auf.
Auf der Pariser Konferenz der Alliierten im Dezember werden über Reparationsansprüche gegen Deutschland gesprochen, die Opfer und Überlebenden des Holocaust sind kein Thema
.

 

1945-47

Terroristische Aktionen zionistischer Gruppen gegen die britische Mandatsmacht, militante Konfrontationen zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung. Britische und amerikanische Untersuchungskommissionen und Verhandlungen mit den Konfliktparteien.

 

Jan. 1946- Febr. 1947

Anglo-amerikanische Untersuchungskommission und Londoner Konferenz zur Lösung des Palästinaproblems, boykottiert von zionistischer und palästinensischer Seite.

 

Febr. 1947/
Maio  1947

Die britische Regierung übergibt das Palästinaproblem der UNO. Die UNSCOP nimmt ihre Arbeit auf. Die Vertretung der Palästinenser verweigert den Auftritt vor der UN-Vollversammlung und boykottiert die angebotene Mitarbeit an der UNSCOP, anders als die zionistischen Vertreter.

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Die “Exodus 1947” im Hafen von Haifa nach der Übernahme durch die Briten, 22.3.1947. >Wikimedia

11.-22.7.1947

Tragödie der „Exodus 1947“ im Hafen von Haifa mit 4393 Holocaust-Überlebenden an Bord. Die Flüchtlinge werden von den Briten über Frankreich zurück nach Deutschland geschickt.

29.11.1947

Die Vollversammlung der UN beschließt die Teilung Palästinas. Die arabischen Staaten lehnen nicht nur den Beschluss, sondern überhaupt das Recht der UN über Palästina zu entscheiden als Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker ab.

Dez. 1947-April 1948

Vorbereitung der militärischen Auseinandersetzung und Beginn der paramilitärischen bzw. terroristischen Aktionen von palästinensischer und zionistischer Seite (Arabische Befreiungsarmee / Irgun etc.). Heftige innerzionistische Auseinandersetzungen um die richtige Strategie und Form der Aktionen.
Die Radikalisierung der Konfrontation zieht die „regulären“ Truppen (Haganah) in die militärische Auseinandersetzung hinein (3.4. „offizielles“ Eingreifen der Haganah).

UN-Teilungsbeschluss >Wikipedia

14.5.1948

Proklamation des Staates Israel nach dem Ende des britischen Mandasts. Am Tag darauf eröffnen Libanon, Syrien, Irak, Jordanien und Ägypten den Krieg.
Auf israelischer Seite wird dieser Krieg als Unabhänigkgieitskrieg bezeichnet, auf arabischer Seite ist dessen Ergebnis als Naqba (Katastrophe) in Erinnerung, was sich auf die Flucht/Vertreibung palästinensischer Bevölkerungsteile bezieht.

Unabhängigkeitserklärung >Wikipedia

11.6. -7.7.1948

Waffenstillstand durch den UN-Sicherheitsrat, von arabischer Seite aufgekündigt. Attentat auf den UN-Unterhändler Graf Bernadotte durch zionistische Terroristen (Ezel).

 

Febr.-März 1949

Waffenstillstandsabkommen mit den arabischen Staaten.

 

11.12.1948

Resolution 194 der UN-Generalversammlung: Rückkehrrecht der Flüchtlinge aus dem Unabhängigkeitskrieg – von Israel abgelehnt mit der Begründung, die Flüchtlinge hätten sich freiwillig gegen Israel entschieden. Die genaue Zahl der Flüchtlinge ist umstritten. Das UNO-Hilfswerk für Palästina hat im Oktober 1948 650.000 Flüchtlinge registriert, 150.000 Araber sind in Israel geblieben. In den folgenden Jahren erlaubt Israel 40.000 Flüchtlingen die Rückkehr im Rahmen von Familienzusammenführungen.

>Wikipedia

11.3.1949

Israel wird 59. Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen. Die Waffenstillstandsgrenze von 1949 wird damit von der UNO anerkannt.

 

 

 

 

 

Suez_Krise / Sinai-Krieg 1956

 

50er Jahre

Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser (Putsch 1952/54) profiliert sich als politischer Führer im Kampf gegen die alten Kolonialmächte und gegen Israel.

 

1955

Verstärkte Guerilla-Aktionen gegen Israel ausgehend vom Gaza-Streifen.

 

26.7.1956   

Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Ägypten.

 

12.9.1956   

Nasser blockiert die Straße von Tiran (Golf von Akaba) für israelische Schiffe und Luftraum für Flugzeuge (letzteres bereits seit 12.9.1955). Radio Kairo prophezeit eine Niederlage Israels in einem möglichen Krieg.

 

29.10. / 31.10.1956

Israelischer Einmarsch auf dem Sinai in Absprache mit Großbritannien und Frankreich, die zwei Tage danach die Suezkanalzone besetzen.

 

5.11.1956

Nach Vernichtung der ägyptischen Luftwaffe am Boden ist Ägypten nach wenigen Tagen militärisch geschlagen.

 

1957

Auf Druck der USA, die der Aktion ablehnend gegenüberstanden, akzeptieren GB und F die ägyptische Kontrolle über die Kanalzone gegen eine Garantie für die freie Schifffahrt. Israel muss sich von der besetzten Sinai-Halbinsel zurückziehen, an der ägyptisch-israelischen Grenze werden UN-Blauhelme stationiert. Israel erklärt (mit Unterstützung der USA), dass eine erneute Sperrung des Zugangs zum Roten Meer ein casus belli darstelle.
Präsident Eisenhower verkündet die nach ihm benannte Eisenhower-Doktrin zur Abwehr jedes kommunistischen Einflusses auf Länder des Nahen Ostens.

 

 

 

 

 

Sechstagekrieg 1967

 

10-10.1959

Gründung der Fatah (Akronym aus den Anfangsbuchstaben für “Bewegung zur nationalen Befreiung Palästinas”) durch Jassir Arafat und andere palästinensischen Führungspersönlichkeiten.

>Wikipedia

28.5.1964

Gründung der PLO (Palestine Liberation Organisation) als Dachorganisation verschiedener Gruzppierungen, darunter aber erst später die Fatah. seit 1969 Jassir Arafat. Die Initaitive dazu ging vom ägypt. Präsidenten Nasser aus und sollte erstmalig den Palästinensern eine eigene Stimme, auch innerhalb der Arabischen Liga, geben. Erster Vorsitzender war Ahmad Shukeiri, ein Vertrauter Nassers. Nach dem Sechstagekrieg und dem Verlust des Westjordanlandes trat die Fatah in die PLO ein und majorisierte sie damit auch, so dass 1969 Arafat deren Vorsitzender wurde. Die PKO schwenkte damit auch auf den Guerilla-Kurs der Fatah ein.

>Wikipedia´

Seit 1965

Anschläge der Fatah auf israelische Einrichtungen, meistens von Syrien und Jordanien aus. Vergeltungsaktionen der Israelis führen zu Zusammenstößen mit den Nachbarländern zu Lande und in der Luft.

 

12.5.1967

Ägyptens Präsident Nasser verlegt 12 Divisionen auf den Sinai an die Grenze zu Israel. Gleichzeitig profiliert er sich propagandistisch als Führer der arabischen Nation im Kampf gegen Israel.

 

16.5.

Nasser fordert den Abzug der seit 1957 stationierten UN-Blauhelme vom Sinai, dem UN-Generalsekretär U-Thant sofort nachkommt.

 

22.5.

Sperrung der Straße von Tirana (Golf von Akaba) durch Ägypten wie 1956.

 

30.5.

Jordaniens König Hussein schließt sich in Kairo dem ägyptisch-syrischen Bündnis an, weitere arabische Länder schicken militärische Unterstützung nach Syrien und Jordanien.

 

5.6.

Angesichts der offensichtlichen Kriegsvorbereitungen auf arabischer Seite sowie der ständigen Propaganda Nassers durch die Medien, wonach es um die Zerstörung Israels gehe, entschließt sich Israel zu einem Präventivschlag.

 

5.-11.6.

Die ägyptische Luftwaffe wird größtenteils am Boden zerstört und damit die Lufthoheit für Israel gesichert. In sechs Tagen erobert die israelische Armee die Sinai-Halbinsel sowie das Westjordanland und zuletzt die syrischen Golanhöhen.

 

1.9.1967

Dreifaches Nein der Arabischen Liga bei ihrer Tagung in Khartum: „No peace with Israel, no recognition of Israel, no negotiations with it.“

Resolution von Khartum >Wikipedia

22.11.1967

Resolution 242 des UN-Sicherheitsrates: Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten gegen Anerkennung des Staates Israel in gesicherten Grenzen durch die arabischen Staaten. Die Resolution wird von Israel befürworet, von der PLO abgelehnt und und von der Arabischen Liga nur unter besonderen Bedingungen akzeptiert.

>Wikipedia

b) Inhaltliche Ergänzungen

Die Endphase des britischen Mandats, die Gründung des Staates Israel und der Unabhängigkeitskrieg / die Naqba

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Links: Unabhängigkeitskrieg 1958: Militärische Operationen vom 15.5. bis 10.6.1948, Karte von der U.S.Military Academy >Wikimedia
Rechts: Vergleich zwischen dem Teilungsplan der UN 1947 und den Grenzen Israels nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948/49.   >Wikimedia

Besondere militärische Unterstützung im Krieg bekam Israel von der Tschechoslowakei, vermutlich unterstützt von der Sowjetunion, die sich in einem sozialistischen Israel einen Bündnispartner im Nahen Osten erhoffte – die politische Mehrheit in dem sich gründenden Israel war von der sozialistischen Arbeitspartei von David Ben Gurion geprägt.

Rechts eine Gedenktafel der Veteranen der Haganah, der israelischen Armee, im Armee-Museum in Prag. >Wikimedia Commons

 

Wird ergänzt...

 

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1948/1967: Der Kampf um Jerusalem

Historische Stadtviertel Jerusalems. 

Die traditionelle Aufteilung der Altstadt unter die verschiedenen Religionsgemeinschaften mit ihren heiligen Stätten und religiösen Monumenten. Das nur wenige Häuser umfassende marokkanische Viertel lag im östlichen Teil des jüdischen Viertels, direkt an der Klagemauer.              

In Filmdokumentationen, wie anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung Israels, und einigen Printpublikationen sowie natürlich im Internet wird oft gezeigt oder beschrieben, wie nach der Besetzung Jerusalems im Sechstagekrieg 1967 der Platz vor der Klagemauer innerhalb weniger Tage durch den Abriss der angrenzenden Häuser nach der sofortigen Zwangsräumung ihrer arabischen Bewohner freigemacht wurde. Es erscheint wie das Sinnbild für die israelische Eroberung. Bewusst oder aus Unkenntnis bzw. mangelnde Recherche unterschlagen wird hier allerdings oft, dass es sich hier nicht um „das arabische Viertel“ der Altstadt handelte, sondern um Häuser, die zu einem kleinen marokkanischen Viertel gehörten (Mughrabi-Viertel), das zwischen dem traditionellen Jüdischen Viertel Jerusalems und der Klagemauer lag.

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Plan Wikimedia Commons. Das alte marokkanische Viertel ist hier nicht mehr zu sehen.

Im Zuge der Kampfhandlungen 1948 mussten die jüdischen Bewohner der Altstadt ihr Viertel, also das jüdische Viertel, verlassen, viele Häuser waren zerstört, arabische Bewohner zogen später in das Viertel ein. Mit der Eroberung der Altstadt Jerusalems 1967 wurde ad hoc die Entscheidung getroffen, nun den Raum vor der Klagemauer durch den Abriss der Häuser freizumachen. Das angrenzende jüdische Viertel wurde neu besiedelt und zum größten Teil auch neu aufgebaut. Das traditionelle muslimische Viertel nimmt dennoch auch heute noch einen Teil des Gebietes vor dem Tempelberg und unmittelbar bis zur Klagemauer ein. Die Vertreibung betraf also nicht alle arabischen Anwohner, sondern nur die des wenige Häuser umfassenden Mughrabi-Viertels. Unabhängig von der Vorgehensweise und der Frage nach ihrer Berechtigung muss man die historischen Fakten kennen, um das Ganze beurteilen zu können. Es handelte es sich um einen wechselseitigen Prozess von Inbesitznahme und Vertreibung 1948/67.

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Altstadt von Jerusalem um 1900 . Foto: Wikimedia Commons, Bearbeitung W.G.

Klagemauer an einem Freitag in den 1880er Jahren.

Foto von Félix Bonfils (1831-1885), >Wikimedia Commons

Links die Hausmauern des Marokkanischen Viertels (Mughrabi-Viertel), das nach dem Sechstagekrieg abgerissen wurde. Die auf dem Foto dargestellte Situation besetand so also bis 1967.

 

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Freier Platz vor der Klagemauer: ehem. Marokkanisches Viertel,  Klagemauer hinten rechts´, die heute goldene Kuppel des Felsendoms im Hintergrund.

© W.Geiger, 2011

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Teilung der Stadt 1948/49.

Mit dem Waffenstillstand geriet die gesamte Altstadt unter jordanische Hoheit. Eine dünner von der UN kontrollierter Streifen trennte das jordanische (grüne Linie) vom israelischen (blaue Linie) Gebiet.

Der UN-Teilungsplan für Palästina 1947 sah den Großraum Jerusalem inklusive Bethlehems im Süden als corpus separatum unter internationaler Kontrolle vor. Dies wurde faktisch jedoch von keiner Seite akzeptiert, noch unter der britischen Mandatsverwaltung fand eine spontane Teilung in Einflussbezirke statt. Die geographisch exponierte Lage Jerusalems ermöglichte den arabischen Streitkräften den jüdischen Bezirk der Stadt vom Hinterland und somit die Verbindung zum jüdischen Teil Palästinas (bzw. zum israelischen Gebiet nach der Staatsgründung) abzuschnüren. Dies begann bereits im Februar 1948, während bewaffnete zionisti¬sche Einheiten den Kampf um die Befreiung der Straße nach Tel Aviv aufnahmen. Die Eskalation der Gewalt konnte von UN-Friedensinitiativen nicht mehr verhindert werden, nach der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai stellten sich der Befehlshaber der britischen Arabischen Legion, John Bagot Glubb, genannt „Glubb Pascha“, mit einer Reihe von Offizieren dem jordanischen König zur Verfügung, obwohl er und seine Leute offiziell von den Briten abgezogen wurden. Verhandlungen zwischen der zionistischen Führung und dem jordanischen König Abdullah hatten zuvor zwar zu einem groben Arrangement hinsichtlich der Teilung Palästinas geführt, aber zu keinem Ergebnis Jerusalem betreffend. Innerhalb weniger Tage war die militärische Lage in der Altstadt für die israelische Seite aussichtslos und vierzehn Tage nach der Gründung des Staates Israel, am 27./28. Mai 1948, mussten die jüdischen Einwohner die Altstadt verlassen. Das jüdische Viertel war weitgehend zerstört. Die weiteren Kämpfe galten der westlichen Neustadt und dem Umland.

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Ausschnitt aus dem UN-Teilungsplan mit Verzeichnis der heiligen Stätten (gelb =  christlich, grün = muslimisch, blau = jüdisch). Zwischen der grünen und blauen Linie war Niemandsland.Gesamter Plan: UNISPAL


Am 30.11. einigten sich Israel und Jordanien auf eine Feuereinstelllung. Zuvor hatte sich Abdullah in Jesusalem vom koptischen Bischof der Stadt zum „König von Jerusalem“ krönen lassen und am 1.12. rief ihn eine palästinensische Notabelnversammlung in Jericho zum „König von ganz Palästina“ aus. Die sollte die Legitimität seiner Herrschaft über den jordanisch besetzten Teil Palästinas unterstreichen.

Der Sechstagekrieg und die Folgen

Präventivkrieg oder bewusster Expansionskrieg?

Dokumente, die eine Rolle spielen

Die Befürworter der These vom Expansionskrieg 1967 zitieren einige israelische Politiker als „Kronzeugen“ gegen die offizielle Rechtfertigung des Krieges durch die Präventionsthese. Im Nachhinein hätten diese Politiker zugestanden, dass es kein Präventivkrieg gewesen sei, weil die arabische Seite, d.h. v.a. Ägypten, nicht kriegsbereit gewesen sei oder von sich aus den Krieg nie ausgelöst hätte. Entsprechende Webseiten und Blogs findet man leicht durch eine gezielte Suche nach den unten genannten israelischen Persönlichkeiten in Verbindung mit der Jahreszahl.

Die damalige Debatte in Israel und innerhalb der israelischen Regierung vor Kriegsbeginn ist von dem kritischen israelischen Journalisten und Historiker Tom Segev sehr detailreich recherchiert und dargestellt worden.

Das Argument mit den „Kronzeugen“ hat sich dagegen im Internet auf zahlreichen Seiten bereits komplett verselbstständigt. Unabhängig, wie man unter Berücksichtigung aller Faktoren den Krieg bewerten will, sollten die Grundlagen für seine solche Beurteilung klar sein. Wir dokumentieren hier deswegen die „Kronzeugen“-Quellen in deutscher Übersetzung mit den notwendigen Angaben, wo die Originale nachgelesen werden können.

Zu berücksichtigten ist bei dieser Auseinandersetzung auch generell, dass die Folgen aus dem Sechstagekrieg nicht primär eine Erklärung für die Ursache des Krieges geben können, auch oder gerade wenn beides im Rückblick ineinander zu greifen scheint.

1. Itzhak Rabin 1968

Le général Rabin ne pense pas que Nasser voulait la guerre /
General Rabin denkt nicht, dass Nasser den Krieg wollte

Unter diesem angesichts des nachfolgend dokumentierten Inhalts irreführenden Titel publizierte die französische Zeitung Le Monde ein Interview mit Itzhak Rabin, der im Sechstagekrieg 1967 Generalstabschef der israelischen Streitkräfte gewesen war, also ihr oberster Kommandeur, und zum Zeitpunkt des Interviews gerade seinen neuen Posten als israelischer Botschafter in Washington angetreten hatte. Als Generalstabschef hatte Rabin nicht nur den Krieg vorbereitet und geleitet, sondern im Vorfeld auch weit über seine eigentlichen militärischen Kompetenzen hinaus Politik betrieben. Der eigentlichen Eskalation mit Ägypten unter Staatspräsident Nasser ging eine monate¬lange Konfrontation an der syrisch-israelischen Grenze voraus, von der aus terroristische Gruppen der Fatah von Arafat Anschläge in Israel verübten. Dazu schreibt Le Monde (Interview mit Rabin, Ende Februar 1968):

    (p.1) Drei Wochen vor dem Sechstagekrieg, am 12. Mai 1967, hatte er [=Rabin] im Wesentlichen bekräftigt, dass Israel am Ende noch dazu gebracht werde das syrische Regime zu stürzen, damit die Überfälle der Fedayin aufhörten. Diese Stellungnahme hatte die Überzeugung derjenigen bestärkt, die einen Angriff auf Syrien erwarteten. Zwei Tage nach der Erklärung von General Rabin schickte Präsident Nasser eilig ägyptische Truppen auf den Sinai.

    Hat er das Gefühl an der Auslösung der Krise beteiligt gewesen zu sein, die in den Krieg münden würde? Der ehemalige Chef des Generalstabs der israelischen Streitkräfte antwortet mit unbeweglichem Gesicht:

    „Ich  glaube nicht. Es wäre absurd zu glauben, dass Präsident Nasser seine Truppen mobilisiert hat, nachdem er meine Erklärung gelesen hat. Es war übrigens nicht das erste Mal, dass ich mich so geäußert hatte. Schon im September 1966 hatte ich eine analoge Analyse geliefert. Ich sage, dass unsere Haltung gegenüber Damaskus nicht die gleiche sein könne wie gegenüber Beirut und Amman. Während Jordanien und der Libanon ebenso wie wir den Terrorismus bekämpften, ermutigte Syrien offen die Fedayin und erleichterte ihnen über die Grenze nach Israel zu gelangen. Ich unterstrich also, dass nur das Verschwinden dieses Regimes den Frieden in unseren Häusern zurückbringen würde. Das war eine Feststellung aus gesundem Menschenverstand.“

    (p.4) Glauben Sie, dass Nasser nur so getan hat, als glaube er Ihren Drohungen, weil er versuchte den Krieg zu provozieren?

    „Ich glaube nicht, dass Nasser den Krieg wollte. Die beiden Divisionen, die er am 14. Mai auf den Sinai schickte, hätten nicht ausgereicht um eine Offensive gegen Israel auszulösen. Er wusste es und wir wussten es. Diese Tatsache zeigt meines Erachtens auch, dass Nasser nicht wirklich daran glaubte, dass wir Syrien angreifen würden. Er bluffte; er wollte sich, ohne dass es viel kostete, als der Retter Syriens präsentieren und so große Sympathien in der arabischen Welt gewinnen. Wir kannten diese Strategie, da er sie 1960 schon einmal eingesetzt hatte. […] Doch vor acht Jahren hatte er nicht den Rückzug der UN-Truppen verlangt. Dieses Mal empfand er die Notwendigkeit seinem Bluff mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. In der Tat hatte ihn die Propaganda der anti-nasserischen Staaten in die Ecke gedrängt mit der ständigen Beschuldigung, er verstecke sich hinter den internationalen Streitkräften.“ […]

Der UN-Generalsekretär U-Thant beantwortete Nassers Wunsch nach einem Teilrückzug der UN-Truppen auf dem Sinai, die dort nach dem Suezkrieg von 1956 stationiert worden waren, damit, dass es keinen Teilrückzug geben werde, die Blauhelme würden bleiben oder Nasser müsse einen Gesamtrückzug fordern. Dies trug entscheidend zur weiteren Eskalation bei. Um sein Gesicht nicht zu verlieren, löste Nasser die Akaba-Krise aus, d.h. die Sperrung des Schiffsverkehrs mit dem israelischen Hafen Eilat, wie 1956 schon und was damals zum Suezkrieg beigetragen hatte. Im Interview mit Le Monde erklärt Rabin weiter:

    „Nasser wurde von der Welle an populärer Begeisterung in der arabischen Welt vergiftet, so wie von seiner eigenen Propaganda. Schließlich hat er selbst geglaubt, dass die ägyptische Armee 1956 nicht von Israel geschlagen worden war, sondern nur durch die anglo-französische Intervention. Er hat sich also ein ganzes Gedankengebäude aufgebaut, wonach Israel 1967 nicht die Initiative der Feindseligkeiten ergreifen würde, da es nicht wie 1956 auf die Unterstützung der ausländischen Mächte zählen konnte. Die Tatsache, dass er nach der Schließung von Akaba sieben Divisionen auf die Sinai-Halbinsel schickte, belegt, dass er gleichwohl wusste, dass wir seinen Akt als einen casus belli betrachten würden.“

Le Monde weist anschließend darauf hin, dass der Hafen Eilat für Israel nicht lebenswichtig gewesen sei und auch schon 1956 die notwendigen Güter über den Mittelmeerhafen Haifa importiert werden konnten. Nasser habe außerdem eine gewisse Kompromissbereitschaft gezeigt. Rabin erklärt dazu:

    „Die Schließung des Golfes von Akaba als solche war, ich wiederhole es, für uns ein casus belli. Jedoch wurde der Krieg grundsätzlich durch ein Zusammenspiel von Faktoren auf lokaler und internationaler Ebene provoziert. Die schädliche Rolle der Sowjetunion hat dazu beigetragen die Leidenschaften und den Hass, der in dieser Region herrschte, nur noch anzuzstacheln. […]“

Aus dem Interview ist also keineswegs herauszulesen, dass Rabin im Nachhinein von der Präventivkriegsthese abgerückt wäre, wie man auf zahlreichen Print- und Internetseiten lesen kann. Vielmehr beschreibt er aus seiner Sicht, wie Nasser Gefangener seiner eigenen Eskalation des Konflikts wurde. Die Überschrift des Artikels von Le Monde ist insofern irreführend, als die Aussage „Nasser wollte keinen Krieg“ sich nur auf die erste Phase bezieht, noch vor der Ausweisung der UN-Blauhelme und der Sperrung des Golfs von Akaba. Mit dieser Äußerung antwortet Rabin auf den von Le Monde angedeuteten Vorwurf, mit seiner Äußerung zu Syrien habe Rabin die Eskalation losgetreten. Die Antwort Rabins in Bezug auf Nasser ist also eine Zurückweisung dieses an ihn, Rabin, gerichteten Vorwurfs und ein Akt seiner eigenen Verteidigung, nicht der nachträglichen Entlastung Nassers. Ganz im Gegenteil rechtfertigt Rabin die anschießende Reaktion Israels auf die weitere Entwicklung und v.a. auf das, was Israel nach seinen Worten als casus belli betrachten musste, was damals  nach der Vorgeschichte von 1956 auch überhaupt kein Geheimnis war.

 

3. Menachem Begin, 1982

Alternatives of War - Kriegsalternativen

In dieser publizierten Version einer Rede nahm Ministerpräsident Menachem Begin Stellung zur Frage nach der Wahl der Mittel und namentlich der Kriegsfrage in Bezug auf die damals laufende „Operation Frieden für Galiläa“, den Einmarsch im Libanon zur Bekämpfung der PLO. Dabei unterzog er historische Kriege in Europa sowie die bis dahin geführten israelischen Kriege einem strukturellen Vergleich. Der Unabhängigkeitskrieg, den Begin von November 1947 bis Januar 1949 datiert, sowie der Yom-Kippur-Krieg 1973 und der darauf folgende Stellungskrieg auf dem Sinai seien alternativlos weil Israel von außen aufgezwungen gewesen. Diese drei Kriege hatten hohe Verluste an Soldaten gebracht. Der Suez-Krieg 1956 sowie der Sechstagekrieg 1967 dagegen seien Entscheidungen im Rahmen von Alternativen gewesen, der zweite im Übrigen eine Wiederholung des ersteren unter Vermeidung des damals gemachten Fehlers, nämlich sich nach einer militärisch siegreichen Operation auf politischen Druck von außen (USA) wieder zurückzuziehen.  Begin, damals in der rechten Opposition gegen die Regierung der Arbeitspartei, wurde in der Krise 1967 als Minister in die „Regierung der nationalen Einheit berufen“ und war an den Entscheidungen beteiligt.

    „Im Juni 1967 hatten wir wieder eine Wahl. Die Konzentration der ägyptischen Streitkräfte im benachbarten Sinai beweist nicht, dass Nasser wirklich dabei war uns anzugreifen. Wir müssen ehrlich gegenüber uns selbst sein, wir entschieden anzugreifen. Dies war eine Tat der Notwehr im edelsten Sinne des Wortes. Die damals gebildete Regierung der nationalen Einheit entschied einmütig. Wir werden die Initiative ergreifen und den Feind angreifen, ihn zurückwerfen und so die Sicherheit Israels und die Zukunft der Nation garantieren.

    Wir taten dies nicht aus Mangel an einer Alternative. Wir hätten auch weiter warten können. Wir hätten die Armee nach Hause schicken können. Wer weiß, ob es einen Angriff auf uns gegeben hätte? Es gibt keinen Beweis dafür. Es gibt mehrere Argumente für das Gegenteil. Während es tatsächlich stimmt, dass die Schließung der Straße von Tiran ein Akt der Agression war, ein casus belli, so ist immer Raum für eine Bandbreite von Überlegungen, wie ob es notwendig ist einen casus zu einem bellum zu machen.

    […] Wenn wir in den beiden Kriegen, für die wir uns willentlich entschieden haben – der Sinaifeldzug und der Sechstagekrieg –,Verluste gehabt hätten wie in den alternativlosen Kriegen, wären heute nur noch wenige unter unserer besten Jugend übrig, ohne die Stärke der arabischen Welt zu widerstehen.“

Auch Begin liefert hier also keineswegs einen Beleg für einen gewollten Eroberungskrieg Israels, wie diejenigen, die nur den Anfang dieses Textes zitieren, behaupten. Unabhängig davon, was man von Begins Argumentation hält, so war für ihn die gewählte Option für den Angriff 1967 auch ein Akt der Selbstverteidigung, erstens angesichts des von Ägypten provozierten casus belli, zweitens wegen der Ungewissheit der weiteren Absichten Ägyptens und drittens wegen der Chance bei einem Präventivschlag den Krieg mit weitaus weniger Verlusten gewinnen zu können.


Der  Jom-Kippur-Krieg 1973 war eine Revanche Ägyptens mit umgekehrten Vorzeichen: Diesmal wurde Israel überrascht, konkrete Anzeichen auf einen neuen Krieg wurden ignoriert. Eine gute zusammenfassende Darstellung gibt es von Judith Berthold anlässlich des 40. Jahrestages (6.10.1973) auf Zeitgeschichte Online.

 

Determinanten der Politik bis heute (noch im Aufbau)

Gründungs- und Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel 1948. / Das Nationalstaatsgesetz von 2018, dem eine intensive und kontroverse Debatte mit verschiedenen Varianten seit 2013 vorausging, soll den jüdischen Charakter des Staates Israel stärken. Kritiker sehen darin eine Verschlechterung der rechtlichen Stellung der arabischen Staatsangehörigen, tatsächlich wurde aber schärfere Versionen des Textes verhindert, der letztlich eher symbolische Bedeutung hat. Der Passus der Unabhängigkeitserklärung taucht darin jedoch nicht auf, daran entzündet sich die Kritik: “Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und  Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.” DUnabhängigkeitserklärung ist damit jedoch nicht außer Kraft gesetzt.

Die Palästinensische Nationalcharta der PLO gibt es in Deutsch auf der Website der PLO, die Charta der Hamas auf Englisch auf der Seite des MidEast Web. Beide lehnen die Existenz Israels und die UN-Teilung Palästinas von 1947 ab.

Wird ergänzt…

 

 

Tom Segev: 1967 – Israels zweite Geburt. München (Siedler) 2007.  (Erhältlich auch bei der Bundeszentrale für Politische Bildung.)

Le Monde, 28.2.1968, p.1, p.4

Vgl. z.B. auf >Wikipedia , dort bezeichnenderweise ohne Quellenangabe zitiert.

Übersetzung W. Geiger

Jerusalem Post, 20.8.1982, p.16

Übersetzung W. Geiger

Vor vierzig Jahren: Der Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten >zeitgeschichte-online

Unabhängigkeitserklär ung >Wikipedia

>Nationalstaatsgeset z 2018 >Wikipedia

>PLO-Charta
>Hamas Charta

 

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