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„Wir wollen nur von heute ab datieren!“
Bilderstürmerei und politische Korrektheit durch die Zeiten.
Überlegungen aus aktuellem Anlass. (22.7.2020)
Essay.

last update
29.7.2020

Wolfgang Geiger*

 

Übersicht

1. Geschichtskorrekturen und Bildersturm in früher Zeit
2. Politische Umerziehung in der Moderne
3. Politische Korrektheit in der Demokratie
4. Erinnerung auch ans Negative
5. Die Bedeutung des Kolonialismus für unsere Geschichte
6. Rassismus ohne Rasse?

 

Die Antirassismusbewegung hat seit den jüngsten Vorkommnissen in den USA, dem Tod von George Floyd und anderen vor und nach ihm, nicht nur dort, sondern auch in Europa einen enormen Aufschwung erfahren und stellt mit ihren Forderungen nach Beendigung von realer Diskriminierung und Rassismus „in den Köpfen“ auch radikale Ansprüche an die Erinnerungskultur. Es geht von der Umbenennung von Straßennamen bis zum Sturz von Statuen und anderen Aktivitäten bzw. Forderungen an die Gesellschaft. Die Frage nach der richtigen historischen Erinnerung führt auch zur Frage nach ähnlichen Phänomenen in der Vergangenheit.

 

1. Geschichtskorrekturen und Bildersturm in früher Zeit

Amenophis IV. (äg. Amenhotep) war ein revolutionärer Pharao, bekannt als Echnaton (Achernaton) , der im Ägypten der zweiten Hälfte des 14. Jh. v. Chr. (18. Dyn.) mit dem Umzug der Residenz nach Amarna den Monotheismus einführen wollte, auf die Sonne bezogen (Aton), wie später auch das Christentum im Römischen Reich im 4. Jh. n. Chr. erst durch Identifizierung Gottes mit der Sonne offizialisiert wurde (sol invictus). Irgendwann während dieser 18. Dyn. in Ägypten oder danach erfolgte die dauerhafte Begründung des Mono- theismus in einer Gruppe von Israeliten (auch wenn es in der Bibel als Volk Israel benannt wird) mit Moses und deren Flucht aus Ägypten, die in der jüngeren Forschung (Jan Assmann) in die Zeit von Pharao Ahmose (reg. ca. 1550-1525 v. Chr.) , dem Begründer der 18. Dyn., eingeordnet wird. Jedenfalls gab es in jener Epoche wohl eine Tendenz zum Monotheismus, den das Establishment auf jeden Fall verhindern wollte, für  Echnaton bedeutete das einige Jahre nach seinem Tod den Versuch der im wahrsten Sinne des Wortes Ausradierung jeglicher Erinnerung an ihn. Die Liste der Dynastie wurde gefälscht, nicht nur Amenophis IV. sondern auch sein vermutlich unmittelbarer Nachfolger Semenchkare daraus gelöscht, ihre Sarkophage vernichtet. Tutenchaton  war dann schon wieder zurück auf dem Weg zu den alten Göttern, weswegen er seinen Namen zu Tutenchamun änderte, doch auch seine Grabstätte blieb nur erhalten, weil sie gut versteckt war.

Das war nicht das erste Mal einer nachträglichen Verdammung ägyptischer Herrscher, im Jahrhundert davon ließ auch Thutmosis III. (reg. ab 1479 v. Chr.) Beweise der Existenz seiner Stiefmutter Hatschepsut vernichten, die für ihren unmündigen Stiefsohn die Herrschaft übernahm und dann nicht mehr abgeben wollte. Ihr Sturz und dann die Auslöschung der Erinnerung an sie hatte weitaus niedrigere Beweggründe als hinsichtlich der Amarna-Könige. Später stießen römische Kaiser ungeliebte Vorgänger, denen sie meist als Rivalen zunächst unterlegen waren, im wahrsten Sinne des Wortes vom Sockel, doch diese öffentliche damnatio memoriae war eher symbolisch-politisch gemeint als Zeichen in aller Öffentlichkeit: Vergessen wir ihn!

Religionen konnten und können radikal sein, wenn es nicht nur um die Durchsetzung eines bestimmten Glaubens ging und die Verdammung eines anderen, und seien es nur ungefährliche Relikte aus einer im wahrsten Sinne des Wortes vergangenen Ära. Vor noch nicht allzu langer Zeit zerstörten die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan, die Tausend Jahre islamischer Herrschaft überstanden hatten.

Fanatismus gab und gibt es aber auch innerhalb derselben Religion. Das Christentum hatte von Anfang Mühe, seinen richtigen Weg zu finden, und genau genommen gab es nie ein einheitliches Christentum, auch wenn es durch die griechischen Bezeichnungen katholikos (svw. allgemein, universell) und orthodox (rechtgläubig) so aussehen sollte. Innerhalb der byzantinisch-orthodoxen Kirche gab es im 8. und 9. Jh. die Phase des Ikonoklasmus, der Zerstörung der Ikonen, als Bilderstürmerei in die deutsche Sprache eingegangen. In Erinnerung an das alttestamentarische Bilderverbot, das auch der Islam relativ streng übernahm, aber nicht immer und überall respektierte, sollte mit der Zerstörung der Ikonen schon früh die Heiligenverehrung bekämpft werden, da sie faktisch die Alleinstellung Gottes negierte. Dauerhaft setzte sich das nicht durch, interessant aber, dass der Islam, der historisch gesehen erst kurz zuvor entstand, entsprechend Relikte eines Polytheismus im Marienkult und der Heiligenverehrung von Orthodoxen und Katholiken wahrnahm und dieses Christentum daher als Abweichung von Gottes Offenbarung kritisierte.

Eine ganz analoge Bilderstürmerei erfolgte später durch die Protestanten, vor allem die Calvinisten, gegenüber den Kunstwerken (Heiligenbildern und -statuen) in den von ihnen übernommenen ehemals katholischen Kirchen. Diese Werke sind verloren – außer jenen, die die Katholiken noch rechtzeitig retten konnten – Relikte ihrer Zerstörungswut aber gibt es in Hülle und Fülle. Als auf dem Gebiet des heutigen Belgien, in den damaligen Habsburgischen Niederlanden, die Rekatholisierung erfolgte, wurden als Kompensation z.B. in Antwerpen fast in jeder Straße Marienstatuen in Nischen an den Häuserwänden aufgestellt zum Zeichen der Verehrung an das Volk. [1]

* Gymnasiallehrer, teilabgeordnet an die Hessische Lehrkäfte- akademie. Vorsitzender des Verbandes Hessischer Geschichts- lehrerinnen und -lehrer VHGLL. Ehemaliger Lehrbeauftragter der Goethe-Universität Frankfurt (Historisches Seminar).

Bouddhas_de_Bâmiyân_-_Aout_2005

36 m hohe Nische, in der einer der Buddhas vor der Zerstörung stand. Foto Didier Vanden Berghe 2005 Wiklipedia.

[1] Hilfreich zum Einstieg mit Verweisen auf die verschiedenen Epochen: Ikonoklasmus >Wikipedia

Frans_Hogenberg_Bildersturm_1566-klein
Madonna_Antwerpen

An einer Straßenecke Antwerpens triumphiert die Madonna mit dem Schwert in der Hand und dem gekrönten Jesuskind im Arm über den Drachen (=den Teufel, die Ungläubigen).
Foto:
© W. Geiger, 18.7.2018.
Zur Vergrößerung auf das Bild klicken.

Frans Hogenberg, Kupferstich 1588: Ikonoklastische Ausschreitungen von Calvinisten in der Liebfrauenkirche von Antwerpen am 20.8.1566. Wikipedia

Hier waren Religion und Politik stets eins. Die Geschichte der Zensur durch die Kirche gehört dazu, ja schon die Auswahl der Schriften, die fast 300 Jahre nach Christi Tod auf dem Konzil von Nicäa 325 in den Kanon der Bibeltexte, Altes wie Neues Testament, aufgenommen wurden, war in gewissem Sinne bereits ein Akt der Zensur, denn bestimmte Schriften wurden nicht akzeptiert. Man nannte sie dann die apokryphen Schriften und einige davon erfreuten sich ganz entgegen der Intention der Zensoren großer Popularität im Mittelalter.

2. Politische Umerziehung in der Moderne

Ein erster Höhepunkt politischer Bilderstürmerei, gleichwohl auch mit religiösem Aspekt, entstand in der Französischen Revolution. Alle weiteren bilderstürmerischen und kulturrevolutionären Aktivitäten dürfen in deren Tradition gesehen werden. Eigentlich schon relativ schnell nach Ausbruch der Revolution, vor allem in der radikalen Phase mit dem Sturz der Monarchie, begann der sogenannte revolutionäre Vandalismus, der alle Relikte des Ancien Régime zu vernichten trachtete und sich dabei nicht nur gegen öffentliche Statuen der Könige usw., sondern vor allem im populären Bildersturm auch gegen die Kirche wandte, die schon vor der Ausrufung der Republik quasi verstaatlicht worden war. deren Priester sich in den Dienst der Revolution stellen sollten, und der man dann eine Zivilreligion entgegenstellte, den Kult der Vernunft oder des Höchsten Wesens, als dessen Pontifex maximus sich Robespierre selbst in Szene setzte. Der Bilderstürmerei fielen viele Kunstwerke in den Kathedralen zum Opfer, berühmtestes Beispiel ist Notre-Dame. Zerstört wurden auf besonderen Erlass des Wohlfahrts- ausschusses die Königsgräber in der Abtei von Saint-Denis vor den Toren von Paris [2], ähnlich wie die Grabmäler und andere “nicht korrekte” religiöse Stätten in Mali durch die Islamisten 2012 unter entgegengesetz- ten politisch-religiösem Vorzeichen. Was zeigt, wie extreme Einstellungen sich derselben Methoden bedienen können.

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Die Schändung der Grabkammern der Könige in der Basilika von Saint-Denis, Ölgemälde von Hubert Robert, 1793, Musée Carnavalet, Wikipedia

[2] Cf. Christiane Tauber: Bilderstürme der Französischen Revolution. Die Vandalismus-Berichte des Abbé Grégoire, Freiburg (Rombach / Nomos) 2009

Le terrible sort des églises parisiennes sous la Révolution >Les Découvreurs

Mehr noch: Diese erste Kulturrevolution, Inspiration für weitere im 20. Jh., wollte auch die christliche Zeitrechnung abschaffen und führte den revolutionären Kalender ein, der mit der Tag- und Nachtgleiche der Ausrufung der Republik am 21.9.1791 begann (Jahr I). Die 7-Tage-Woche biblischen Ursprungs wurde durch eine zehntägige Décade ersetzt, die Monats- namen jahreszeitlichen und agrarischen Ereignissen entlehnt (was zum Teil an den alten germanischen Kalender erinnert). [3]

Zuvor schon hatten Revolutionäre in Reden und Schriften von selbst eine neue, auf den Beginn der Revolution bezogene Zeitrechnung verwendet, zumindest in der Zuordnung von Jahren (Jahr III der Revolution usw.). „Alles muss neu sein in Frankreich. Wir wollen nur von heute ab datieren!“ brachte der jakobinische Abgeordnete Barère den Geist des radikalen Bruchs mit der Vergangenheit zum Ausdruck, ein Spruch, der sich in der Geschichts- schreibung nahezu verselbstständigt hat, denn keiner der jüngeren Autoren kann die Originalquelle benennen, sondern zitiert nur wieder von anderen Historikern. Barère hat dies wohl in einem Brief geschrieben und offenbar bereits 1790, was alleine jedoch zur damaligen Zeit keine öffentliche Resonanz verursacht hätte [4]. Der Kontext dieser Äußerung entsprach schon einem ersten frühen Schritt zur Auslöschung von Traditionen, nämlich der Abschaffung der alten Provinzen in Frankreich mit ihren Namen und Identitäten – und übrigens auch Sprachen, wir kommen gleich darauf zurück – im Zuge der Verfassungsreform mit der Aufteilung Frankreichs in Départements, die auf rationaler Grundlage gebildet wurden und Bezeichnungen nach geographischen Kriterien hatten, nicht nach kulturellen. Was für den Raum die Départements waren, war für die Zeit dann der Revolutionskalender.

Noch die Jakobiner selbst erkannten dann allerdings die Kehrseite der Bilderstürmerei, mit der Auslöschung der Vergangenheit kam auch der Feind abhanden, gegen den man gekämpft hatte. Ein anderer Jakobiner, Abbé Grégoire, ein ehemaliger Geistlicher, kritisierte folglich die Zerstörung der Kulturgüter und so entstand die Idee des historischen Museums. Die Vergangenheit sollte zur Belehrung zukünftiger Generationen aufbewahrt werden, aber nicht mehr an ihrer ursprünglichen Wirkungsstätte, sondern sozusagen entwurzelt, ihrer Gefährlichkeit beraubt, im polit-pädagogischen Arrangement des Museums, zumindest für die mobilen Gegenstände. Die Bastille wurde dagegen schnell abgetragen, man bediente sich der Steine auch als Baumaterial, was ebenfalls symbolischen Charakter hatte: aus dem Alten Neues bauen… Heute wäre sie ein willkommener Erinnerungsort. Man denke sich nur, das Schloss von Versailles oder der Louvre wären in der revolutionären Wut ebenfalls zerstört worden.

Abbé Grégoire, der diese Kehrwende einleitete, war keineswegs ein Gegner radikaler Maßnahmen, sondern nur dieser. Er selbst forderte quasi in einem Atemzug mit seinem Einspruch gegen den Vandalismus andererseits auch die Auslöschung der nichtfranzösischen Sprachen in Frankreich, vom Bretonischen bis zum Baskischen, vom Flämischen bis zum Korsischen, und die sprachliche Uniformierung auf das Standardfranzösische hin, selbst französische Dialekte waren ihm suspekt. Den Widerstand gegen die Jakobiner aus den Provinzen, den sogenannten Föderalismus, führte er auf das Nichtverstehen der französischen Sprache und damit verbunden die geistige Beschränktheit zurück.

Lenin sah in den Jakobinern ein strategisches Vorbild. Die russische Oktoberrevolution setzte eine neue Kulturrevolution in Gang, mit noch größeren Ansprüchen: Ein „neuer Mensch“ sollte entstehen. Diese totalitäre Pädagogik hätte dem Jakobiner Saint-Just gefallen, der ja auch die Kinder ihren Eltern entreißen und in staatlichen Institution vollkommen neu erziehen wollte. Über den Kampf gegen die Kirche in der Sowjetunion brauchen wir hier keine weiteren Worte zu verlieren außer, dass der verhinderte Mönch Dschugaschwili als Stalin seine Ikone an Stelle der alten Ikonen setzte und einen neuen Pomp an die Stelle des alten.

Die radikalste Kulturrevolution war jedoch bislang die maoistische, sozusagen eingefroren heute noch in Nordkorea, übertroffen an Opferzahlen in der Proportion nur durch das Regime der Roten Khmer in Kambodscha, doch bei den dortigen Maßnahmen des Steinzeitkommunismus, der alle Brillenträger als intellektuelle Feinde verdächtigte, kann man schon nicht mehr von „Kulturrevolution“ sprechen. Die chinesische Kulturrevolution richtete sich gegen alles Vor- und daher potenziell Konterrevolutionäre im eigenen Land, aber auch gegen alles Ausländische (wenn es nicht marxistisch war), also alle bürgerliche Literatur usw. Aufgrund der Tatsache, dass Mao eine Revolution gegen das Partei- establishment in Gang gesetzt hatte, gab es kein einheitliches Vorgehen, und so schützten Einige alte Kulturgüter, Andere handelten mit dem Verbotenen im Untergrund.

Strategie der kommunistischen Diktaturen – die faschistischen waren nicht lange genug an der Macht – war jedoch eine Geschichtspolitik, die die Erinnerung selbst an die eigene Geschichte rückblickend der Zensur unterwarf, weil sich im Laufe dieser Geschichte die Einen gegen die Anderen durchsetzten und die Verlierer der Vergessenheit anheimfallen sollten. Viele der berühmten nachträglichen Manipulationen historischer Fotos, mit den damaligen technischen Möglichkeiten oft nur grob ausgeführt, hat Alain Jaubert in Fotos, die lügen dokumentiert [5]. Alte und einst Mitstreiter Lenins und Maos verschwanden später von den Fotos. Dabei machte Jaubert auch an verschiedenen Stellen deutlich, dass nicht nur die wirkliche Auslöschung der Erinnerung an sich das Ziel war, sondern manchmal sogar der Akt selbst des Ausschneidens einer Person aus einem Foto, d.h. der Vorgang der multiplen Vernichtung dieser Person, bewusst angezeigt werden sollte zur Warnung.

Die Korrektur der Vergangenheit hat George Orwell, ausgehend von der Erfahrung des Sowjetkommunismus, aber davon aus generalisiert, meisterhaft in 1984 weitergedacht. Unliebsames wurde im Archiv nachträglich selbst aus vergangenen Zeitungen entfernt.

 

3. Politische Korrektheit in der Demokratie

Politische Korrektheit in Demokratien heute steht in einem anderen Zusammenhang, bedient sich aber zumindest zum Teil ähnlicher Methoden. Nach jedem politischen Umbruch werden Straßennamen umbenannt und manchmal auch zwischendurch, Berlin kann hier ein Lied davon singen. Seit der Wende von 1989 verschiebt sich das Paradigma der Benennung jedoch vom Vorbildparadigma zum Opferparadigma. Vorbilder für uns heute werden weniger geehrt, als den Opfern vergangener Schreckensherrschaften gedacht werden soll. Dies ist jedenfalls in Deutschland sehr deutlich, denn unsere Erinnerungskultur ist durch ein starkes Mea culpa geprägt, dass durch das Thema DDR noch bestärkt wurde. Wir erinnern uns viel mehr an negative Mahnung aus der Vergangenheit als an positive, denn letztere gab es nicht so in Hülle und Fülle in unserer Geschichte.

Nun gibt es aber seit einiger Zeit auch eine Bewegung zur positiven Erinnerungskultur, schon damit dies nicht den Rechten überlassen wird, und die eine Erinnerung an die Orte der Demokratiegeschichte fördern will [6]. Inspiriert von der französischen Konzeption der lieux de la mémoire [7], soll es bei diesen Mnemotopen jedoch stärker um reale Orte und ihre Akteure gehen. Bei einer Diskussion der teilnehmenden Initiativen in Darmstadt 2018, an der ich als Vertreter des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands zugegen war, trat ein interessantes Phänomen zum Vorschein, das tatsächlich auch wie ein Vor-Schein auf die aktuellen Auseinandersetzungen im Zeichen der Antirassismusbewegung anmutet. Wir mussten nämlich feststellen, dass viele der frühen Demokraten – allein schon der Begriff war schwierig, da sich die wenigsten damals selbst so bezeichnet hätten  – in der Epoche der Französischen Revolution, zuvor schon während der Aufklärung oder danach noch bis zur 1848er Revolution, Antisemiten waren, soweit jedenfalls, dass für sie die Juden „nicht dazugehörten“ und beim Kampf um demokratische Rechte nicht mit bedacht wurden. Nicht alle, aber viele dachten so. Kann man nun einen solchen „Demokraten“ ehren und dies vergessen? Soll man ihm mildernde Umstände gewähren, dass das eben der „Geist der Zeit“ war? Und von dieser Frage ausgehend könnte man sogar noch den Horizont viel weiter ziehen und feststellen, dass nahezu alle diese „Demokraten“ gegen die Gleichberechtigung der Frauen waren, also die Hälfte der Gesellschaft von der Demokratie ausschlossen, wie es ja auch in der Französischen Revolution trotz einer aktiven Beteiligung der Frauen an dieser Revolution der Fall war.

Das sind Probleme, wenn man aus heutiger Sicht Persönlichkeiten der Vergangenheit ehren will. Doch wie ist es mit bestehendem Gedenken? An den Sockel der Churchill-Statue in London wurde „was a racist“ geschrieben, sie wurde dann zur Sicherheit von einem Kasten umgeben und seine Urenkelin meinte, vielleicht müsse sie in ein Museum [8]. Es ist die Diskrepanz der Moderne, die sich hierin ausdrückt: Auch Churchill hatte „dunkle“ Seiten, war schon als Kolonialminister nach dem 2. Weltkrieg für die Kolonialpolitik direkt verant- wortlich gewesen. Dafür rettete er Europa vor der Unterjochung unter das national- sozialistische Deutschland, das kann ohne große Übertreibung so konstatiert werden. Was wiegt schwerer? Muss man solches überhaupt aufrechnen?

Keine Menschenrechtserklärung, von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis zur UN-Menschenrechtscharta, war zum Zeitpunkt ihrer Verkündung so universell gültig, als wie sie ausgegeben wurde, noch 1948 wurde sie von Kolonialmächten wie Großbritannien und Frankreich unterzeichnet, Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats, die keineswegs vorhatten, ihre Kolonien so einfach aufzugeben. Das sollte tatsächlich stärker ins allgemeine historische Bewusstsein eingehen. Die indische Freiheitsbewegung machte er den britischen Kolonialherren so schwer, dass sie Indien letztlich aufgaben. Doch in der englischen Stadt Leicester gibt es jetzt eine Petitionsbewegung für die Entfernung der Statue Gandhis, weil er in seiner südafrikanischen Zeit mit seinem Status als Coloured zwischen Weißen und Schwarzen stand und sich negativ über letztere geäußert haben soll. Graffiti auf der Statue lassen vermuten, dass es auch noch einen anderen Hintergrund gibt, dass manche ihn nämlich als Hindu-Nationalisten sehen [9]. Sein Attentäter 1948 sah es genau anders herum, er warf ihm vor, dass er es nicht war. Aus vollkommen konträren Motiven heraus wurde der Mensch umgebracht und soll heute seine Statue stürzen. Deutlicher kann diese Absurdität nicht zum Ausdruck kommen.

Im Zuge des Aufschwungs von Black lives matter! und der Antirassismusbewegung darüber hinaus auch in Europa werden Erlebnisse und Zeugenschaften von Diskriminierung zuhauf publik gemacht, Rassismus wird als Alltagsphänomen angeprangert. Eine Strömung der Bewegung richtet sich dabei auch wieder auf bilderstürmerische Aktivitäten. Dass riesige Statuen von Südstaatengenerälen in den USA gestürzt werden, dass die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol gestürzt wurde, kann man ja noch verstehen,  der nicht nur sich sondern auch der Stadt zu Reichtum verhalf, weil er Afrikaner versklavte bzw. sich an ihrer Versklavung beteiligte, nach Amerika brachte und verkaufte, wobei viele dabei auf dem Weg in die Sklaverei schon ums Lebens kamen, Doch auch Kolumbus? Einige Aktionen zum Sturz oder zur, neutral formuliert, Bemalung von Kolumbus-Statuen gingen vom American Indian Movement aus, das schon seit langer Zeit gegen den Columbus Day-Gedenktag protestiert [10]. Und tatsächlich haben schon seit Jahren nach und nach US-Staaten damit begonnen, den Columbus Day in den Indigenous Peoples’ Day umzu- widmen [11]. Geholfen wäre den Native Americans freilich mehr, wenn sie entsprechend reale historische Rechte wiederbekämen statt nur die symbolische Erinnerung daran. Diese Symbolik repräsentiert keine Realität, sie ersetzt sie.

Wie steht es mit den aus Solidarität protestierenden „weißen“ Amerikanern? Wer Kolumbus für alles Nachfolgende verantwortlich macht und verurteilt, muss als heutiger Nachkomme der Einwanderer auch seine eigenen Vorfahren verurteilen und letztlich seine Existenz auf amerikanischem Boden selbst infrage stellen. Wenn es in diesem radikalen Sinne Unrecht war, was Kolumbus tat, befänden sie sich in ihrer eigenen Logik eigentlich nicht zu Recht auf diesem Kontinent. Das wäre auch die radikale indianische Perspektive. Natürlich war es aus menschenrechtlicher Sicht Unrecht, dass Kolumbus die Bewohner der Inseln, die er für die spanische Krone in Besitz nahm, unterwarf, dennoch ist die ganze Menschengeschichte vor der heutigen Zeit unsere Vorgeschichte, soll sie ungeschehen gemacht werden? Wir können nicht „nur von heute ab datieren.“ Wir wurden demokratisch, weil die Gesellschaft vorher undemokratisch war. Doch wie umgehen mit dieser Vergangenheit?

Als ich Student war, kam der kamerunesische Liedermacher und Schriftsteller Francis Bebey während der Buchmesse (Thema Afrika, das war wohl 1980) zu uns an die Universität und spielte einige Lieder vor und diskutierte mit uns anschließend. Das für damals wie heute beeindruckendste Lied ist Les morts ne sont pas morts - Die Toten sind nicht tot. Das Lied thematisiert im engeren und in meiner Rezeption dann auch in einem weiter gefassten Sinne die animistische Vorstellung von der Beseeltheit der Natur, in der auch die Toten nicht vergangen – weggegangen – sondern unsichtbar weiter unter uns sind. In der Diskussion kamen wir dann natürlich auf die Erinnerung an die europäisch-afrikanische Geschichte zu sprechen, an den Sklavenhandel, den Kolonialismus. Francis Bebey hob abwehrend die Hände und sagte: „Ihr jungen Leute müsst nicht immer nur an die schrecklichen Dinge denken, die eure Vorfahren verübt haben. Das ist nicht eure Schuld. Das ist lange her und vergangen.“ Worauf ich erwiderte: „Aber Monsieur Bebey, Sie wissen doch: Die Toten sind nicht tot.“ [12]

Was bedeuten die symbolischen Akte, Statuen vom Socken zu stürzen? Ist das Symbol nur Symbol, vertritt es nur eine nicht existierende und nicht stattfindende Realität wie oben bemerkt, oder steht es für eine intendierte reale Tat? Geht es nur darum, eine Verehrung der dargestellten Person zu beenden oder darum, sie quasi symbolisch-rituell zu töten? Für Stefan Trinka von der F.A.Z. handelt es sich um rituelle Tötungen von „effigies (reale Personen imitierende Körperdarstellungen).“ Nicht nur das Ergebnis, auch der Akt zählt, und dabei gebe es eine „Verwechslung von Bildern des Bösen mit dem Bösen selbst.“ [13]

Wer sich grundsätzlich gegen diese Aktionen wendet, muss sich freilich auch fragen lassen, ob er denn Hindenburg- und Hitler-etc. Plätze und sogar Statuen (gab es überhaupt welche im öffentlichen Raum?) so beibehalten hätte, wenn er damals nach ihm gegangen wäre. Das Umstürzen von Statuen hat oft einen ganz naheliegenden Sinn von Imitation des Erwünschten, denken wir an den Sturz der Statuen von Saddam Hussein im Irak.

Öffentliches Gedenken ist politisch begründet und muss sich politischer Kritik aussetzen und sich sogar korrigieren, wenn sich der politische Kontext wandelt. Das ist Demokratie. Und hier geht es ja sogar darum, dass die existierende demokratische Gesellschaft an ihren eigenen politisch-moralischen Kriterien gemessen wird und nicht an anderen, und aus der dabei hervorgehenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit entzündet sich die Debatte. Hier geht es nicht um den Sieg einer herrschenden Meinung über eine besiegte Meinung, sondern um das Einklagen durch eine Minderheit (zunächst jedenfalls) von Prinzipien, die zwar offiziell vertreten werden, aber nicht oder nur unvollständig in der Realität befolgt werden.

Doch wohin führt dies? Bleiben wir noch einen Moment bei Kolumbus. Wer ihn verurteilt, muss alle verurteilen, z.B. Jacques Cartier, dem in Kanada überall Straßen- und Platznamen und Statuen gewidmet sind und den die Indianer an einer Stelle am Fluss (natürlich heute ein Gedenkort) in der heutigen Stadt Québec mitsamt seiner Mannschaft in extremis vor dem Skorbut-Tod gerettet haben – historisch gewiss ein Fehler für sie selbst. Müssen jetzt alle Andenken an diese Geschichte im öffentlichen Raum verschwinden?

Die Washington Post, kein Organ des American Indian Movement oder der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, aber des demokratischen Amerika, wirft Kolumbus in dem oben zitierten Artikel in Anlehnung an Howard Zinns Bestseller A People’s History of the United States vor, dass er die Indianer ausweislich seines Bordbuchs nicht nur unterwerfen wollte, sondern darüber hinaus auch „auslöschen“ (annihilate). Abgesehen davon, dass darin schon ein Widerspruch steckt, ist dieser Vorwurf gegenüber Kolumbus vollkommen unbegründet. In einem anderen Artikel der Post wird Kolumbus vorgeworfen, die europäischen Krankheiten eingeschleppt zu haben, die dann die indianische Bevölkerung dezimiert haben: „Die Neue Welt vor Kolumbus: kein Typhus, keine Grippe, keine Pocken, keine Masern. Die Neue Welt nach Kolumbus: Epidemien des Todes.“ [14]. Dieser sprachlich assoziativ ausgedrückte und semantisch suggestive Schuldvorwurf ist perfide, denn natürlich geschah dies nicht absichtlich und übrigens auch erst nach Kolumbus.

Das Beispiel mag hier erst mal genügen um zu verdeutlichen, dass es nicht nur um Erinnerungskultur geht sondern um das Umschreiben von Geschichte. Unter der historischen Anklage des späteren Geschehens wird die Kausalkette chronologisch auf eine „Ursünde“ zurückverfolgt. Dabei hätten demokratische US-Amerikaner bei diesem Thema viel mehr Grund, ihre engere Geschichte daraufhin zu überprüfen, wie mit den Indianern umgegangen wurde, und das bis heute. Damit ich nicht missverstanden werde: Die Washington Post tut dies auch. Aber mit der Hauptanklage des „Ursünders“ Kolumbus wird zwangsläufig alle spätere Schuld psychologisch relativiert. Die dialektische Kehrtwende von der kritiklosen Verehrung von Kolumbus zu dessen unkritischer Verdammung übernimmt die Methode und kehrt sie nur in der Wertung um.

Entsprechende Forderungen der Antirassismusbewegung knüpfen an einer bereits seit längerem existierende Tendenz zur politischen Korrektheit an, die am stärksten durch den Feminismus kam. Dabei denke ich nicht an genderkorrekte Sprache, ein weitgehend deutsches Problem, sondern auch an Korrekturen im öffentlichen Raum wie dem Entfernen des auf Spanisch verfassten Gedichts von Eugen Gomringer an der Wand der Alice-Salomon-Hochschule, dessen letzter Vers „avenidas y flores y mujeres y un admirador“ als patriar- chalisch, sexistisch oder wie auch immer verurteilt wurde [15]. Nun wurde es an einer anderen Hauswand wieder angebracht und an der alten Stelle steht jetzt ein feministisch sein sollendes Gedicht von Barbara Köhler, dessen Qualität – im Unterschied zum Gomringer-Gedicht muss man hier wirklich nachdenken – die Plattitüde „Feministische Lyrik überschreibt patriarchale Kunst“ [16] wahrlich bei weitem übersteigt. In beiden Fällen erscheint es mir so, dass die hineininterpretierte Aussage in Wirklichkeit eine Obsession der Interpretation ist. Ob Gomringers Gedicht den Status quasi eines Mottos für die Hochschule verdient hatte – Gomringer war 2011 Preisträger des Alice-Salomon-Preises –, darüber hätte man gut streiten können, doch wie seinerzeit unter der Schreckensherrschaft der Jakobiner oder in späteren totalitären Regimen wurde von der Anklage gleich auf das Kapitalverbrechen plädiert.

Darf der schwarze Begleiter des niederländischen Nikolaus, der Zwarte Piet, kein Schwarzer mehr sein, weil dies rassistisch ist? Dieser Streit erfasst die Niederlande seit 2018, wenn ich das richtig recherchiert habe, und wurde für den Nikolaustag letztes Jahr (2019) erst mal gerichtlich weiterhin zugelassen [17]. Ganz offensichtlich kommt in der Aufführung selbst, die sehr karnevalistisch anmutet, keine rassistische Intention zum Ausdruck, die Zwarte Pieten (es sind immer mehrere) sind ja die Helfer des Nikolaus, die die Geschenke verteilen. Oder ist es diskriminierend, weil sie als Helfer dastehen? Entscheidend dürfte wohl sein, dass sie überhaupt als Schwarze auftreten, egal in welchem Kontext, und dazu noch durch schwarz angemalte Weiße gespielt werden. Solches Blacking bei einem Kostümball in seiner Zeit, als er High School -Lehrer war, hat auch jüngst den kanadischen Premier Justin Trudeau in der öffentlichen Debatte eingeholt [18].

Das kann man weiter extrapolieren: Darf z.B. Shakespeares Othello oder auch Der Kaufmann von Venedig noch gespielt werden? Sind beide nicht rassistisch, einmal antiafrikanisch, das andere Mal antisemitisch? Die Kulturgeschichte des Begriffes „Mohr“ ist dabei höchst interessant, kann hier aber nicht weiter verfolgt werden [19]. Es sei nur gesagt, dass er keineswegs immer so negativ gemeint war, wie er heute erscheint – im Rückblick, denn das Wort hat ja heute gar keine Aktualität mehr außer im Kampf um die Mohrenstraße in Berlin und die Mohrenapotheken in hundert Städten. Bei der mit Schokolade umhüllten Sahne im heute so genannten Schokokuss handelte es sich dagegen sicher um eine ursprünglich satirisch-rassistische Konnotation aus dem Zusammenhang des Kolonialismus im 19. Jh. Hier trafen ja da M- und das N-Wort in den beiden früheren Bezeichnungen aufeinander, doch historisch kann der Begriff „Mohr“ keineswegs mit dem N-Wort gleichgesetzt werden. Von dem Balthasar der Drei Könige aus dem Morgenland bis zum Heiligen Mauritius waren „Mohren“ die längste Zeit über angesehene Fremde gewesen. Warum kann eine Aufarbeitung der Geschichte solches nicht würdigen? Jedes seriöse Anliegen kann durch unseriöse, radikale Methoden diskreditiert werden.

 

4. Erinnerung auch an das Überwundene

Erinnerung kann selbstverständlich das überwundene Stadien unserer Geschichte nicht ausblenden – oder doch? Ausblenden aus dem öffentlichen Raum, aber Aufbewahren an anderen Orten, im Museum, in Gedenkstätten, in Büchern? In Sachen Nationalsozialismus geht das, werden die Befürworter sagen, doch wie ist es sprachkorrekt: Soll dann in diesem Kontext “Rasse”, “rassisch” auch aus den Texten verbannt werden? Darf man nicht mehr von der “Rassenkunde” sprechen, die seit dem 19. Jh. den Rassismus pseudowissen- schaftlich legitimierte? (Auf das R-Wort kommen wir weiter unten noch einmal zu sprechen). Eine Oberstufenschülerin warf mir einmal vor, das rassistische N-Wort im Unterricht zu verwenden. Es kam aber nur in einem Text von Ernest Renan vor, einem der bedeutendsten rassistischen und antisemitischen Theoretiker des 19. Jh.s, den ich im Unterricht behandelte um genau diese “Rassentheorien” zu analysieren. [20] Tatsächlich habe ich auch den Text aus dem Französischen übersetzt und dabei das französische N-Wort durch das deutsche. Hätte man das korrigieren sollen? [21]

Im Unterschied zum Nationalsozialismus geht es bei dem ganzen Thema, das hier zur Debatte steht, um eine ganze Epoche ambivalenter Politik. Die Geschichte der Menschenrechte ist auch die Geschichte ihrer Inkonsequenz. Schon die Aufklärer forderten die Freiheit des Einzelnen und seine Grundrechte, doch fast alle bezogen das nur auf die eigene Gesellschaft und schlossen andere davon aus, stellten eine Hierarchie der Völker nach Zivilisationsgrad auf usw., und die meisten waren auch Antisemiten. So wird man auch bei unsseren “Säulenheiligen” Goethe und Schiller fündig, wenn man sucht [22].

Soll man sie also ächten, wenn sie eben andererseits auch trotz ihrer Inkonsequenz zur Weiterentwicklung unserer heutigen Werte beitrugen, weswegen wir heute in der Lage sind, diese Entwicklung auch kritisch zu bilanzieren.

Der Wunsch nach einer Reinigung all unserer Erinnerungskultur, das Ausmerzen des Ungewünschten in seinen unscheinbarsten Anklängen und Anfängen, birgt eine Art 1984 mitten in der Demokratie in sich. Wenn es ausgelöscht wird, kann auch nicht mehr darüber diskutiert werden, noch nicht einmal mehr Zielscheibe der Kritik sein. So ähnlich haben es die französischen Jakobiner begriffen, als sie merkten, was der Vandalismus anzurichten drohte, denn das, das man überwunden hatte, nicht mehr sichtbar war.

Auch die nahezu komplette Zerstörung der Berliner Mauer und DDR-Grenzanlagen war von dem damaligen Willen getragen, alle Relikte der DDR so schnell wie möglich verschwinden zu lassen. Von der Mauer konnte man sich noch ein paar Bruchstücke als Souvenir ergattern. Im öffentlichen Raum ist heute vor allem das Teil am ehemaligen Checkpoint Charlie zu sehen, das aussieht, als handele es sich um ein Street-Art-Projekt..

Einen interessanten Rechtsstreit gab es jüngst um die Wittenberger „Judensau“. Hierbei handelt es sich um eine ganz andere Kategorie böser antijüdischer Hetze aus dem Spätmittelalter an der Luther-Kirche, die Luther auch zu seinen späten antijüdischen Hetzschriften inspiriert hat, die sprachlich alles auch spätere noch übertreffen. Hier geht es um gar keine Interpretationsfrage, sondern darum, ob das eindeutig Böse der Vergangenheit aus unserem Blickfeld verschwinden muss. Es wäre ja nur um die Verbannung ins Museum gegangen, also nicht um die Zerstörung, und nach dem vorläufig letzten Urteil darf die Reliefskulptur an der Kirche bleiben [23]. Sie kann und soll aus gutem Grund zur Mahnung der heute Lebenden dienen darüber, was früher geschah, alltäglich jedem vor Augen stand. Solche Relikte kann man auch durch erklärende Tafeln entzaubern, falls man das als nötig erachten sollte, bei den Südstaatengenerälen wäre eine Bilanz dessen, wofür sie standen, vielleicht hilfreicher zur Anschauung der Nachwelt gewesen als ihre Zerstörung. Auf einem anderen Blatt steht, aber hier erinnerungswürdig, dass in der Wittenberger Kirche selbst fanatische Anhänger Martin Luthers 1520/21 tabula rasa mit den Kunstwerken gemacht und sie vernichtet hatten.

 

5. Die Bedeutung des Kolonialismus für unsere Geschichte

Allerdings sollte nun auch zur Sprache kommen, was denn an Kritik berechtigt ist und wo es Handlungsbedarf gibt, hier vor allem im Bildungsbereich. Unser Geschichtsbild darf sehr wohl überprüft werden und muss es auch. Es wurde es schon in der Vergangenheit und wenn es einen Moment gäbe, wo dies nicht mehr möglich wäre, wäre die Demokratie ebenso in Gefahr, wie wenn sie autoritär umgeschrieben würde. Zwischen beidem liegt die Freiheit.

Unsere Geschichte meint: die europäische und die globale Geschichte. Die von der Antirassismusbewegung und speziell über change.org [24] in Petitionen geforderte Korrektur der schulischen Lehrpläne in den Bundesländern wirft den existierenden Lehrplänen pauschal vor, (deutsche) Kolonialgeschichte und Rassismus als Thema quasi nicht vorzusehen, keine antirassistische Erziehung zu betreiben usw.

Dass keine Kolonialgeschichte unterrichtet würde, ist ein unzutreffender Vorwurf, der auch der Sache nicht dient, denn das Thema gibt es seit Jahrzehnten. Sehr wohl kann man dabei aber Defizite, zum Teil erhebliche, und folglich einen Verbesserungsbedarf feststellen, und zwar: (1.) bei den Lehrplänen (Curricula) hinsichtlich des Stellenwerts im Gesamtzusammenhang, (2.) in Schulbüchern hinsichlich der Darstellung und (3.) in der schulischen Praxis hinsichtlich der Umsetzung. Für das Land Hessen hat der Verband Hessischer Geschichtslehrerinnen und -lehrer Stellung zur o.g. Petition bezogen [25].

Unmittelbar damit verbunden ist auf höherer Ebene die Frage nach dem Stellenwert dieses Themas im allgemeinen Geschichtsbewusstsein. Der Kolonialismus und speziell dessen zweite Phase im 19. Jh. (Imperialismus) erscheint weitgehend als eine im eigentlichen Wortsinne vergangene Zeit und deren Nachwirkungen und Gegenwartsbezug werden kaum wahrgenommen. Dies betrifft besonders Deutschland, da die deutsche Kolonialgeschichte schon im 1. Weltkrieg zu Ende ging und der Nationalsozialismus überragend im Vordergrund steht. Gleichwohl gab es in den letzten Jahren eine intensive Auseinandersetzung um das Thema Völkermord an den Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia [26].

Ein eklatantes Defizit globalen Denkens und Erinnerns in Bezug auf den Kolonialismus und die europäische (und nordamerikanische) Geschichte besteht darin, dass fast nirgendwo klar die Verbindung hergestellt wird, die zwischen dem Kolonialismus des 18. und frühen 19. Jh.s und der Industrialisierung in Europa besteht. Es war die Baumwolle, die zuerst in der Karibik, in den britischen Kolonien in Nordamerika und auch nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten dort weiter und immer mehr für den britischen Markt auf den Baumwollplantagen durch Sklavenarbeit gewonnen wurde. In der Spätphase der Sklaverei sorgten afrikanische Sklaven in Amerika dafür, dass in Europa mit der Industrialisierung die menschheits- geschichtliche Phase anbrechen konnte, die unser heutiges Leben bestimmt. Natürlich kamen noch andere Faktoren dazu, die technischen vor allem (Dampfmaschine usw.), sie alle werden in den Büchern angesprochen, doch der genannte Zusammenhang wird nur selten so gut dargestellt wie in einem aktuellen Oberstufenbuch in Hessen von Buchner [27].

Darüber hinaus sind diese wirtschaftlichen Verflechtungen zu Beginn der Industrialisierung natürlich das Ergebnis des vorangegangenen Kolonialismus seit dem 16. Jh., der Versklavung und Verschleppung von Afrikanern auf den amerikanischen Kontinent. Die Sklaverei vor Ort hörte auch nach dem Verbot des Sklavenhandels nicht auf, wie man weiß, in den USA bis 1865, in Brasilien sogar bis 1888. Wie es den rechtlich Befreiten danach sozial erging, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Der Sklavenhandel über fast drei Jahrhunderte war einer der wichtigsten wirtschaftlichen Faktoren gewesen, der vor der Industrialisierung und Entstehung des modernen Kapitalismus eben jenen Reichtum nach Europa brachte, für die Edward Colston in Bristol mit einer Statue geehrt wurde und weswegen diese Statue jetzt gestürzt und im Hafen versenkt wurde, und den Karl Marx ausgehend von Adam Smith sehr richtig als Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus erkannte: Es war die „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals.“ [28]

Nachdem sich die Menschenrechte nach ihrer ersten Proklamation 1789 in Europa nach mehreren Rückschlägen durchsetzten, wurden in Frankreich 1848 auch die letzten Sklaven in wenigen verbliebenen Kolonien auf den Inseln in der Karibik und andernorts befreit und mit einem Schlag zu französischen Citoyens. Allen Frauen blieb noch lange die Gleichberech- tigung vorenthalten, wohlgemerkt. In der Folge wurde jedoch von den Gegnern der Gleichheit aller Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s neue Rechtfertigungen für die Ungleichheit vorgebracht, die angeblich aus der Natur herrühre. Die Menschenrechts- begründung mit der Gleichheit von Natur aus sollte mit ihrem eigenen Argument geschlagen werden, es entstanden die Rassentheorien, die dies in der Folge an den Universitäten auch lehrten. Die Entstehung der Anthropologie, der Lehre vom Menschen, ist in Frankreich aufs engste mit dem Ziel des Nachweises der Ungleichheit der „Rassen“ verbunden [29].

Auch wenn die Epoche des „wissenschaftlichen“ Rassismus als Legitimation des neuen Kolonialismus zu Ende gegangen ist, wirken rassistische Vorstellungen und darauf basierende Diskriminierungen nach, so wie es den Antisemitismus auch nach 1945 und bis heute weiter gibt.

 

6. Rassismus ohne Rasse?

Dass man aus Art. 3 des Grundgesetzes [30] den Begriff „Rasse“ entfernen und evtl. durch etwas anderes ersetzen solle, erscheint insofern nachvollziehbar, als in der sprachlichen Argumentation der Begriff „Rasse“ als solcher objektiv anerkannt wird und damals als Relikt des Nationalsozialismus sprachlich präsent und inhaltlich akzeptiert war. „Abstammung“ und „Herkunft“ würden eigentlich reichen, sind viel umfassender und schließen das ein. Proportional umgekehrt zur Tilgung dieses R-Wortes aus unserem Sprachgebrauch wird jedoch der Rassismusbegriff inflationär für alle möglichen Vorurteile, Ablehnungen, Diskriminierungen gebraucht. Wie passt das zusammen? Und das englische race soll dann akzeptabel sein, z.B. in racial profiling, und als Anglizismus im Deutschen verwendet werden. Genauso People of colour, während „farbig“ rassistisch sei, „schwarz“ dagegen nicht. Race und racial sowie die colour-Varianten stammen genauso aus der Kolonialzeit, wenn der Begriff race auch wie im Französischen früher etwas breiter gefasst war (auch kulturell), er wurde aber in den USA im 20. Jh. weiter ideologisch aufgeladen und bezieht sich heute auf Kategorisierungen von races nach der Herkunft: Zu den Nicht-Weißen gehören Black or African American, American IndianAsian, Native Hawaiian or Other Pacific Islander, während zu den Weißen herkünftige Europäer sowie Menschen aus Middle East, North Africa, gehören. Die in den Volksbefragungen Befragten dürfen sich auch einer Mischung aus mehreren races zuordnen [31]. Sind race, racial also wertneutrale Begriffe?

Übernimmt die pauschale identitäre Selbstklassifizierung der Betroffenen nach ihrem Aussehen oder nur ihrer selbst gewollten Zuordnung nach vorgegebenen Kategorien oder pauschal als Schwarz nicht das Paradigma des Rassismus? Gefordert wird doch zu Recht die Anerkennung als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Menschen unabhängig von Aussehen und gruppenspezifischer Zuordnung. Hier ist gewiss noch viel Diskussionsbedarf.

 

 

[3] Z.B. Nebellung / Brumaire; die Germanen setzten den Nebelmonat allerdings erst mit dem Winterbeginn an, die Franzosen einen Monat früher.

 


 

[4] Cf. Lettre de B. Barère à M. de Lartresne, Mss. (= Manu- scrits, Archives Nationales), in :  Histoire g´nérale du Languedoc…, par Dom Claude de Vic et Dom Vaissete… commentée et continuée jusqu’en 1830… par M. Le Chevalier Al. Du Mège, tome X,  Toulouse (Paya), 1846, S. 703.

[5] Cf. Alain Jaubert: Fotos, die lügen. Politik mit gefälschten Bildern, Frankfurt/M. (Athenäum), 1989.
Orig. Le commissariat aux archives. Les photos qui falsifient l‘histoire, Paris (Barrault) 1986.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[6] http://demokratie-geschichte.de/

[7] Cf. Erinnerungsort, Wikipedia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[8] Cf. BBC

 

 

 

 

 

 

 


 

[9] cf. BBC

 

 

 

 

 

 

 

[10] cf. Native News Online

[11] Cf. Gillian Brockell: Here are the indigenous people Christopher Columbus and his men could not annihilate, The Washington Post / Retropolis, 14.10.2019. Online

 

[12] Vgl. ausführlicher dazu und grundsätzlicher zur Erinnerungs- kultur
Wolfgang Geiger: Die Toten sind nicht tot. Historische Erinnerung angesichts neuer Heraus- forderungen, Vortrag im Hessischen Staatstheater Wiesbaden am 17.5.2019, Online beim VHGLL (auch als pdf auf academia.edu).

[13] Stefan Trinka: Erwiesene Schuld einer Statue?, FAZ online, 18.6.2020, Online

[14] Michael S. Rosenwald: Columbus brought measles to the New World. It was a disaster for Native Americans, The Washington Post / Retropolis, 5.5.2019, Online.  – Übers. W.G.

 

 

 

 

 

 

 

 

[15] “Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer”, cf. Spiegel Online

[16] Cf. SZ

 

 

 

 

 

[17] cf. FAZ.net

 

 


[18] cf. BBC

 

 

[19] cf. “Mohr”, Wikipedia

[20] Vgl. dazu noch in Entwicklung befindlichen Seiten zum Rassismsus und sopeziell zu Ernest Renan.

[21] Cf. Umgang mit Rassismus in Neuübersetzungen. Was tun mit dem N-Wort? Elisa Diallo und Andreas Nohl im Gespräch mit Frank Meyer, Deutschlandfunkkultur, 21.11.2019.

[22] Vgl. z.B. Robert Schlickewitz: Wie antisemitisch war eigentlich Goethe? HaGalil, 20.3.2014.

Berlin_Mauer-CP_Charlie

Mauerausstellung am Checkpoint Charlie, Foto © W. Geiger, 9.8.2008. Zum Vergrößern anklicken

 

[23] cf. MDR

[24] https://blackhistoryindeutschland-change.org/

 

 

 

 

[25] cf. VHGLL

 

 


 

[26] cf. Geschichtslehrerforum ; VHGLL

 

 

 

 

 

 

[27] cf. Buchners Kolleg Geschichte, Neue Ausgabe Hessen, Qualifikationsphase, Bamberg (Buchner) 2017, S. 116f.

 

 

 

 


[28] Karl Marx / Friedrich Engels: Werke, Band 23, Das Kapital, Bd. I, Siebenter Abschnitt, Berlin (DDR) (Dietz) 1968,  S. 788. Vgl. dfazu auch Wikipedia. - Die Bedeutung der Baumwolle für die Industrialisierung im Kontext Amerika, Europa, Indien ist angesprochen in Wolfgang Geiger: „King Cotton“ - Globale Arbeitsteilung und Industrialisierung, in: Abelein / Geiger / Grewe u.a.: Globale Perspektiven im Geschichtsunterricht. Quellen zur Geschichte und Politik, Stuttgart (Klett / Tempora) 2010, S. 21-31.

[29] Cf. Wolfgang Geiger: Geschichte und Weltbild. Plädoyer für eine interkulturelle Hermeneutik, Frankfurt/M. (Humanities Online) 2002, „Szientismus und Rassismus gestern und heute“, S. 297-347.


[30] (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

 

 

 

 

[31] cf. Race and Ethnicity - Census Bureau

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