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Quellen zum Vormärz (1)

Börne und Heine:
1. Hambacher Fest: Einladung an Börne und Heine in die Pfalz zu kommen (1832)
2. Ludwig Börne über das Hambacher Fest (1837)
3. Heinrich Heine über die nationale und demokratische Bewegung zwischen Wartburgfest und Hambacher Fest (1840)
4. Links und Literatur (direkt dorthin)

Quellen zum Vormärz (2) auf einer anderen Seite:
Die Heppenheimer Tagung 1847

Weiteres folgt...

JGAWirth1. Hambacher Fest: Einladung an Börne und Heine in die Pfalz zu kommen (1832)

Brief von Johann Georg August Wirth, einem der Organisatoren des Hambacher Fests, an Ludwig Börne, von diesem zitiert in einem Brief an Jeannette Wohl in Frankfurt a.M.

J. G. A. Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer waren die beiden Hauptorganisatoren des
www.demokratiegeschichte.eu/index.php?id=10Hambacher Festes.

 

 

 

Johann Georg August Wirt
Näheres zum Bild unbekannt.
Siehe auf der Website zum Hambacher Fest, Download

 

Ludwig Börne an Jeannette Wohl:

Paris, 5. März 1832 

O Husar! jetzt denken Sie wieder an Einkerkern. Seien Sie ruhig, ich werde nirgends hingehen, wo ich nicht weiß, daß ich sicher bin. Doch erzählen Sie vorläufig keinem, daß ich nach Rheinbayern reise, sondern  sagen Sie, ich ginge nach Straßburg und bliebe dort vorderhand. Der Ausfall von dem Wirth war so übel nicht gemeint, doch freilich ungerecht. Wirth hat vergessen, daß er in einem konstitutionellen Lande wohnt, wo öffentliche Gerichte, Geschworne sind und wo die Regierung keine Macht hat, einen Gewaltstreich zu begehen. Bei mir aber ist das etwas anderes. Ich habe grade gestern einen Brief von Wirth bekommen, den ich Ihnen abschriftlich mitteile. Er ist an mich und Heine gerichtet.

„Verehrte Herren! Durch die Bekanntmachung in franz. Journalen, daß Sie den deutschen Vaterlandsverein unterstützen würden, haben Sie uns aufs Erfreulichste überrascht und der guten Sache einen außerordentlichen Vorschub geleistet. Wenn hier in der Tribüne oder sonst einem liberalen deutschen Blatte Artikel von Ihnen erscheinen, welche mit Ihren Namen unterzeichnet sind, so wird der Eindruck und die Wirkung eine ganz ungewöhnliche sein. Noch mehr aber könnte geleistet werden, wenn Ihre Verhältnisse Ihnen erlaubten, zur tätigen Mitwirkung der Befreiung des Vaterlandes Ihren Wohnsitz irgendwo im Rheinkreise zu nehmen. Sie stehen hier unter denselben Gesetzen wie in Frankreich und genießen denselben Schutz, und im äußersten Notfalle sind Sie der französischen Grenze so nahe, daß Sie jeden Augenblick sich wieder nach Frankreich begeben können. Der Augenblick aber ist so entscheidend, daß Deutschland aller seiner Kräfte bedarf, besonders aber so ausgezeichneter Talente, auf welche die Augen so vieler Tausende gerichtet sind und deren Beispiel unsere Kraft verdoppeln könnte. Überlegen Sie es daher, ob es nicht möglich ist, dem Vaterlande dieses Opfer zu bringen und lassen Sie es uns nicht entgelten, wenn wir im Eifer für die gute Sache eine Bitte wagen, die man unter andern Umständen für unbescheiden erklären müßte. — Zweibrücken 28. Febr. Wirth"

Aus: Ludwig Börne: Briefe an Jeanette Wohl, in: Sämtliche Schriften, neu bearbeitet und herausgegeben von  Inge und Peter Rippmann, Bd.5, Dreieich (Melzer) 1977, S.195f. / Internet Archive Wikisource

 

 

Boerne_Oppenheim_18272. Ludwig Börne über das Hambacher Fest (1837)

Auszug aus dem Buch Menzel der Franzosenfresser, einer Kritik an dem Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Wolfgang Menzel, Mitglied des württembergischen Landtags 1833-38, der der liberalen Bewegung den Rücken gekehrt und sie verraten hatte, indem er 1835 der deutschen Bundesversammlung die Anklagepunkte nebst einer Liste von Autoren des “Jungen Deutschland” zur Zensur vorlegte.

Es gibt von Börne keine explizit dem Hambacher Fest gewidmete Veröffentlichung. Der nachfolgende Text ist eine der wenigen Stellen in seinen Schriften, wo er über das Hambacher Fest, auf dem er stürmisch begrüßt worden war, spricht.

In der Schrift gegen Menzel geht es um die politische Auseinandersetzung, in der sich die Frage
des Liberalismus und des demokratischen Denkens mit der nationalen Frage - für oder wider

Ludwig Börne 1827
Porträt von Moritz Daniel Oppenheim
Wikimedia Commons

die Franzosen - kreuzt, ein Grundkonflikt der deutschen Geschichte seit der napoleonischen Ära.
Der Liberalismus konnte so leicht mit dem Vorwurf der Franzosenhörigikeit verurteilt werden und der
Wunsch nach politischer Freiheit mit dem Vorwurf der nationalen Unterwerfung unter die “Welschen”.
Menzel warf dem Hambacher Fest vor, eben dies betreiben zu wollen.

In nachfolgenden Text ist besonders von den nach Hambach geschickten Spionen die Rede, darunter auch denen, die in russischen Diensten standen. Aus Furcht vor neuen Revolutionen hatte Russland damals Spione in ganz Europa verteilt, besonders aber in Deutschland, so scheint es.

Eine starke Sympathie für die Franzosen sprach sich dort überall aus; freilich eine Sympathie, wie wir sie verstehen, nicht diejenige, welche die Schriftsteller der Polizei als solche darstellen, um sie als etwas Gehässiges erscheinen zu lassen. Ich erinnere mich, daß einer der Hambacher Pilger, der mir von früher als ein preußischer Spion bekannt war, in meiner Gegenwart und unter vielen jungen Leuten mit frommer Begeistung [982] von dem Glücke sprach, das die Rheinprovinzen unter der französischen Herrschaft genossen, und wie es zum Heile von ganz Deutschland führen müsse, wenn die freien Institutionen Frankreichs wieder bis zum Rheine vorrücken könnten. Aber selbst die unerfahrnen jungen Leute hörten den heiligen Mann mit Kälte an, denn er trug das Kainszeichen auf seiner Stirne. Ich selbst hatte in Hambach keinen einzigen Franzosen gesprochen noch gesehen, ich konnte also nicht um die Freundschaft Frankreichs betteln. Der mutige, edle und geistreiche Wirth war in Hambach der einzige, der ganz ohne Veranlassung über, und mehr aus einem Geiste des Widerspruchs, als aus innerer Überzeugung gegen die Franzosen öffentlich sprach. Dieses erregte allgemeines Mißfallen und lauten Tadel. Zum Lohne für seinen Franzosenhaß, den Herr Menzel deutschen Patriotismus nennen würde, wurde der gute Wirth ins Zuchthaus gesperrt und mußte drei Jahre lang die Uniform der Diebe tragen und Strümpfe stricken. Dort in dem Kerker, statt seinen Haß der Tyrannei zur heiligen Wut entflammen zu lassen, dort aus seinem sichern Versteck hervor, schrieb Wirth über Sonne, Mond und Sterne und andere Ewigkeiten, ließ sich wie ein wahres deutsches Schaf in den Pferch der Wissenschaft zurücktreiben und düngte mit seinen philosophischen Erzeugnissen die Felder der Erbpächter des deutschen Landes. Und wo Jean Paul lange die Freiheit lehrte, wohnt jetzt der edle Wirth als Mündel der bayrischen Polizei und muß ihr von jedem Schritte, den er tut, und von jedem Gedanken, den er ausgibt, Rechenschaft geben!

Jeder, dem bekannt ist, daß die russische Regierung in Deutschland so viele Spione hat, daß sie mit ihnen das Herzogtum Nassau und das Großherzogtum Hessen trotz der tapfersten Verteidigung erobern könnte, wird sich wundern, daß sie von dem Geiste, der in [983]Hambach herrschte, so falsch unterrichtet worden. Dieses hatte aber seine eigne Ursache. Die Hambacher Spione waren in einer bedenklichen Lage und ermangelten jener heitern Gemütsstimmung, welche ein Spion zur Ausübung seiner schönen Kunst nach den Regeln der Optik und Akustik nötig hat. Nämlich gleich in der ersten öffentlichen Versammlung, die in Hambach in einem Wirtshause stattfand, und wo mehr gesprochen als gedacht, mehr gesungen als gesprochen, mehr getrunken als gesungen, und mehr spioniert als getrunken wurde, – war ein Spion so naiv, über alles, was er gern wissen wollte, seine Nachbarn rechts und links laut auszufragen. Wie heißt der Herr, der jetzt spricht? Wie der, welcher dort singt? Wie jener, der dort trinkt? Und sobald er den gewünschten Bescheid erhalten, schrieb er es sehr kindlich vor aller Augen in sein Taschenbuch ein. Man bemerkte es, fiel über ihn her und wollte ihn prügeln, und die Behörde war genötigt, den ehrlichen Mann zu seiner Sicherheit ins Gefängnis zu setzen oder ihn im stillen aus der Stadt zu führen. Hierdurch wurden aber die übrigen Spione ängstlich gemacht, so daß sie nicht mehr wagten, über das, was sie sahen und hörten, gleich Buch zu führen und die nötigen Erläuterungen einzuziehen. Aus diesem Grunde mochten wohl viele Berichte mangelhaft und falsch geworden sein.

_________________________

Quelle:
Ludwig Börne: Menzel der Franzosenhasser, französische Erstausgabe Paris 1837, deutsch in:  Sämtliche Schriften. Band 3, Düsseldorf 1964, S.981-983.  Die Seitenzahlen des Originals sind im Text in rechteckigen Klammern gekennzeichnet. Rechtschreibung nach dieser Ausgabe.

Online bei Zeno:
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004637054

Gemeinfrei

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

 

 

503px-Moritz_Daniel_Oppenheim_Portrait_Heinrich_Heine3. Heinrich Heine über die nationale und demokratische
Bewegung zwischen Wartburgfest und Hambacher Fest (1840).

In seiner Denkschrift über Ludwig Börne nach dessen Tod 1837 schrieb Heine seine berühmt gewordene Kritik an der deutschen Nationalbewegung. Ausgangspunkt des nachfolgenden Auszugs ist das Hambacher Fest 1832, an dem Börne teilnahm und von dem er Heine erzählte.

Zum Antisemitismus nach 1815 lohnt der Vergleich mit Börnes Schrift Für die Juden von 1819 - auf juedischegeschichte.de


Heinrich Heine 1831
Porträt von Moritz Daniel Oppenheim
Wikimedia Commons

Mit Börne verband Heine das gleiche Schicksal der politischen Opposition und des Exils in Paris, allerdings wohl weniger die Freundschaft, die die Nachwelt ihnen zuschrieb. Wenn es sie gegeben haben sollte, so währte sie nur kurz, zwischen der ersten Begegnung in Frankfurt 1827 und den Folgejahren der Julirevolution in Frankreich 1830, als eine tiefgreifende Kontroverse und daraus ein offener Hass zwischen ihnen über die Bewertung der politischen Entwicklung, v.a. in Deutschland, und damit verbundenen über einander als Personen entstand. Beim Vergleich dieser beiden Texte (Q 2 und 3) wird man gleichwohl feststellen, dass die Einschätzungen nicht besonders differieren.

Von Rheinbayern sollte die deutsche Revolution ausgehen. Zweibrücken war das Bethlehem, wo die junge Freiheit, der Heiland, in der Wiege lag und welterlösend greinte. Neben dieser Wiege brüllte manches Öchslein, das späterhin, als man auf seine Hörner zählte, sich als ein sehr gemütliches Rindvieh erwies. Man glaubte ganz sicher, daß die deutsche Revolution in Zweibrücken beginnen würde, und alles war dort reif zum Ausbruch. Aber, wie gesagt, die Gemütlichkeit einiger Personen vereitelte jenes polizeiwidrige Unterfangen. Da war z.B. unter den verschwornen Bipontinern ein gewaltiger Bramarbas, der [164] immer am lautesten wütete, der von Tyrannenhaß am tollsten übersprudelte, und dieser sollte, mit der ersten Tat vorangehend, eine Schildwache, die einen Hauptposten bewachte, gleich niederstechen... »Was!« rief der Mann, als man ihm diese Ordre gab, »was! mir, mir konntet ihr eine so schauderhafte, so abscheuliche, so blutdürstige Handlung zumuten? Ich, ich soll eine unschuldige Schildwache umbringen? Ich, der ich ein Familienvater bin! Und diese Schildwache ist vielleicht ebenfalls ein Familienvater. Ein Familienvater soll einen Familienvater ermorden! ja töten! umbringen!«

Da der Dr. Pistor, einer der Zweibrücker Helden, welcher mir diese Geschichte erzählte, jetzt dem Bereiche jeder Verantwortlichkeit entsprungen ist, darf ich ihn wohl als Gewährsmann nennen. Er versicherte mir, daß die deutsche Revolution durch die erwähnte Sentimentalität des Familienvaters vorderhand ajourniert wurde. Und doch war der Moment ziemlich günstig. Nur damals und während den Tagen des Hambacher Festes hätte mit einiger Aussicht guten Erfolges die allgemeine Umwälzung in Deutschland versucht werden können. Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin der Freiheit uns gewährte; die Sterne waren günstig; seitdem erlosch jede Möglichkeit des Gelingens. Dort waren sehr viele Männer der Tat versammelt, die selber von ernstem Willen glühten und auf die sicherste Hülfe rechnen konnten. Jeder sah ein, es sei der rechte Moment zu dem großen Wagnis, und die meisten setzten gerne Glück und Leben aufs Spiel... Wahrlich, es war nicht die Furcht, welche damals nur das Wort entzügelte und die Tat zurückdämmte. – Was war es aber, was die Männer von Hambach abhielt, die Revolution zu beginnen?

Ich wage es kaum zu sagen, denn es klingt unglaublich, aber ich habe die Geschichte aus authentischer Quelle, nämlich von einem Mann, der als wahrheitsliebender Republikaner bekannt und selber zu Hambach in dem Komitee saß, wo man über die anzufangende Revolution debattierte; er gestand mir nämlich im Vertrauen: Als die Frage der Kompetenz zur Sprache gekommen, als man darüber stritt, ob die zu Hambach [165] anwesenden Patrioten auch wirklich kompetent seien, im Namen von ganz Deutschland eine Revolution anzufangen, da seien diejenigen, welche zur raschen Tat rieten, durch die Mehrheit überstimmt worden, und die Entscheidung lautete: man sei nicht kompetent.

O Schilda, mein Vaterland!

Venedey möge es mir verzeihen, wenn ich diese geheime Kompetenzgeschichte ausplaudre und ihn selber als Gewährsmann nenne; aber es ist die beste Geschichte, die ich auf dieser Erde erfahren habe. Wenn ich daran denke, vergesse ich alle Kümmernisse dieses irdischen Jammertals, und vielleicht einst, nach dem Tode, in der neblichten Langeweile des Schattenreichs wird die Erinnerung an diese Kompetenzgeschichte mich aufheitern können... Ja, ich bin überzeugt, wenn ich sie dort Proserpinen erzähle, der mürrischen Gemahlin des Höllengotts, so wird sie lächeln, vielleicht laut lachen...

O Schilda, mein Vaterland!

Ist diese Geschichte nicht wert, mit goldenen Buchstaben auf Samt gestickt zu werden, wie die Gedichte des Mollakat, welche in der Moschee von Mekka zu schauen sind? Ich möchte sie jedenfalls in Verse bringen und in Musik setzen lassen, damit sie großen Königskindern als Wiegenlied vorgesungen werde... Ihr könnt ruhig schlafen, und zur Belohnung für das furchtheilende Lied, das ich euch gesungen, ihr großen Königskinder, ich bitte euch, öffnet die Kerkertüren der gefangenen Patrioten... Ihr habt nichts zu riskieren, die deutsche Revolution ist noch weit von euch entfernt, gut Ding will Weile, und die Frage der Kompetenz ist noch nicht entschieden...

O Schilda, mein Vaterland!

Wie dem aber auch sei, das Fest von Hambach gehört zu den merkwürdigsten Ereignissen der deutschen Geschichte, und wenn ich Börne glauben soll, der diesem Feste beiwohnte, so gewährte dasselbe ein gutes Vorzeichen für die Sache der Freiheit. Ich hatte Börne lange aus den Augen verloren, und es war bei seiner Rückkehr von Hambach, daß ich ihn wiedersah, aber auch zum letzten Male in diesem Leben. Wir gingen miteinander [166] in den Tuilerien spazieren, er erzählte mir viel von Hambach und war noch ganz begeistert von dem Jubel jener großen Volksfeier. Er konnte nicht genug die Eintracht und den Anstand rühmen, die dort herrschten. Es ist wahr, ich habe es auch aus anderen Quellen erfahren, zu Hambach gab es durchaus keine äußere Exzesse, weder betrunkene Tobsucht noch pöbelhafte Roheit, und die Orgie, der Kirmestaumel, war mehr in den Gedanken als in den Handlungen. Manches tolle Wort wurde laut ausgesprochen in jenen Reden, die zum Teil späterhin gedruckt erschienen. Aber der eigentliche Wahnwitz ward bloß geflüstert. Börne erzählte mir: Während er mit Siebenpfeiffer redete, nahte sich demselben ein alter Bauer und raunte ihm einige Worte ins Ohr, worauf jener verneinend den Kopf schüttelte. »Aus Neugier«, setzte Börne hinzu, »frug ich den Siebenpfeiffer, was der Bauer gewollt, und jener gestand mir, daß der alte Bauer ihm mit bestimmten Worten gesagt habe: ›Herr Siebenpfeiffer, wenn Sie König sein wollen, wir machen Sie dazu!‹

Ich habe mich sehr amüsiert« – fuhr Börne fort –, »wir waren dort alle wie Blutsfreunde, drückten uns die Hände, tranken Brüderschaft, und ich erinnere mich besonders eines alten Mannes, mit welchem ich eine ganze Stunde geweint habe, ich weiß gar nicht mehr warum. Wir Deutschen sind ein ganz prächtiges Volk und gar nicht mehr so unpraktisch wie sonst. Wir hatten in Hambach auch das lieblichste Maiwetter, wie Milch und Rosen, und ein schönes Mädchen war dort, die mir die Hand küssen wollte, als wär ich ein alter Kapuziner; ich habe das nicht gelitten, und Vater und Mutter befahlen ihr, mich auf den Mund zu küssen, und versicherten mir, daß sie mit dem größten Vergnügen meine sämtlichen Schriften gelesen. Ich habe mich sehr amüsiert. Auch meine Uhr ist mir gestohlen worden. Aber das freut mich ebenfalls, das ist gut, das gibt mir Hoffnung. Auch wir, und das ist gut, auch wir haben Spitzbuben unter uns und werden daher desto leichter reüssieren. Da ist der verwünschte Kerl von Montesquieu, welcher uns eingeredet hatte, die Tugend sei das Prinzip der [167] Republikaner! Und ich ängstigte mich schon, daß unsere Partei aus lauter ehrlichen Leuten bestehen und deshalb nichts ausrichten würde. Es ist durchaus nötig, daß wir, ebensogut wie unsre Feinde, auch Spitzbuben unter uns haben. Ich hätte gerne den Patrioten entdeckt, der mir zu Hambach meine Uhr gemaust; ich würde ihm, wenn wir zur Regierung kommen, sogleich die Polizei übertragen und die Diplomatie. Ich kriege ihn aber heraus, den Dieb. Ich werde nämlich im ›Hamburger Korrespondenten‹ annoncieren, daß ich dem ehrlichen Finder meiner Uhr die Summe von hundert Louisdor auszahle. Die Uhr ist es wert, schon als Kuriosität: es ist nämlich die erste Uhr, welche die deutsche Freiheit gestohlen hat. Ja, auch wir, Germaniens Söhne, wir erwachen aus unserer schläfrigen Ehrlichkeit... Tyrannen zittert, wir stehlen auch!«

[…]

[170] – Und dennoch beurkundete das Fest von Hambach einen großen Fortschritt, zumal wenn man es mit jenem anderen Feste vergleicht, das einst ebenfalls zur Verherrlichung gemeinsamer Volksinteressen auf der Wartburg stattfand. Nur in Außendingen, in Zufälligkeiten, sind sich beide Bergfeiern sehr ähnlich; keineswegs ihrem tieferen Wesen nach. Der Geist, der sich auf Hambach aussprach, ist grundverschieden von dem Geiste oder vielmehr von dem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort, auf Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder, und mit der ganzen Menschheit ward Brüderschaft getrunken; hier aber, auf der Wartburg, krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! Auf Hambach hielt der französische Liberalismus seine trunkensten Bergpredigten, und sprach man auch viel Unvernünftiges, so ward doch die Vernunft selber anerkannt als jene höchste Autorität, die da bindet und löset und den Gesetzen ihre Gesetze vorschreibt; auf der Wartburg hingegen herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anders war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen! Ich sage Unwissenheit, denn in dieser Beziehung war jene frühere Opposition, die wir unter dem Namen »die Altdeutschen« kennen, noch großartiger als die neuere Opposition, obgleich diese nicht gar besonders durch Gelehrsamkeit glänzt. Eben derjenige, welcher das Bücherverbrennen [171] auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Geschöpf, das je auf Erden turnte und altdeutsche Lesarten herausgab: wahrhaftig, dieses Subjekt hätte auch Bröders lateinische Grammatik ins Feuer werfen sollen!

Sonderbar! trotz ihrer Unwissenheit hatten die sogenannten Altdeutschen von der deutschen Gelahrtheit einen gewissen Pedantismus geborgt, der ebenso widerwärtig wie lächerlich war. Mit welchem kleinseligen Silbenstechen und Auspünkteln diskutierten sie über die Kennzeichen deutscher Nationalität! Wo fängt der Germane an? Wo hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von Büffelhaut. (Der schmutzige Maßmann wollte ganz sichergehen und trug gar keine.) Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher Cerevisia. Im Bierkeller zu Göttingen mußte ich einst bewundern, mit welcher Gründlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten, für den Tag, wo sie zur Herrschaft gelangen würden. Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im mindesten etwas gegen Jahn oder überhaupt gegen altdeutsche Lächerlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod gefaßt machen, und zwar auf den Tod durchs Beil, nicht durch die Guillotine, obgleich diese ursprünglich eine deutsche Erfindung und schon im Mittelalter bekannt war, unter dem Namen »die welsche Falle«. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit, daß man ganz ernsthaft debattierte, ob man einen gewissen Berliner Schriftsteller, der sich im ersten Bande seines Werkes gegen die Turnkunst ausgesprochen hatte, bereits auf die erwähnte Proskriptionsliste setzen dürfe: denn der letzte Band seines Buches sei noch nicht erschienen, und in diesem letzten Bande könne der Autor vielleicht Dinge sagen, die den inkriminierten Äußerungen des ersten Bandes eine ganz andere Bedeutung erteilen.

Sind diese dunklen Narren, die sogenannten Deutschtümler, [172] ganz vom Schauplatz verschwunden? Nein. Sie haben bloß ihre schwarzen Röcke, die Livree ihres Wahnsinns, abgelegt. Die meisten entledigten sich sogar ihres weinerlich brutalen Jargons, und vermummt in den Farben und Redensarten des Liberalismus, waren sie der neuen Opposition desto gefährlicher während der politischen Sturm-und-Drang-Periode nach den Tagen des Julius. Ja, im Heere der deutschen Revolutionsmänner wimmelte es von ehemaligen Deutschtümlern, die mit sauren Lippen die moderne Parole nachlallten und sogar die Marseillaise sangen... sie schnitten dabei die fatalsten Gesichter... Jedoch, es galt einen gemeinschaftlichen Kampf für ein gemeinschaftliches Interesse, für die Einheit Deutschlands, der einzigen Fortschrittsidee, die jene frühere Opposition zu Markte gebracht. Unsere Niederlage ist vielleicht ein Glück... Man hätte als Waffenbrüder treulich nebeneinander gefochten, man wäre sehr einig gewesen während der Schlacht, sogar noch in der Stunde des Sieges... aber den andern Morgen wäre eine Differenz zur Sprache gekommen, die unausgleichbar und nur durch die ultima ratio populorum zu schlichten war, nämlich durch die welsche Falle. Die Kurzsichtigen freilich unter den deutschen Revolutionären beurteilten alles nach französischen Maßstäben, und sie sonderten sich schon in Konstitutionelle und Republikaner und wiederum in Girondisten und Montagnards, und nach solchen Einteilungen haßten und verleumdeten sie sich schon um die Wette: aber die Wissenden wußten sehr gut, daß es im Heere der deutschen Revolution eigentlich nur zwei grundverschiedene Parteien gab, die keiner Transaktion fähig und heimlich dem blutigsten Hader entgegenzürnten. Welche von beiden schien die überwiegende? Die Wissenden unter den Liberalen verhehlten einander nicht, daß ihre Partei, welche den Grundsätzen der französischen Freiheitslehre huldigte, zwar an Zahl die stärkere, aber an Glaubenseifer und Hülfsmitteln die schwächere sei. In der Tat, jene regenerierten Deutschtümler bildeten zwar die Minorität, aber ihr Fanatismus, welcher mehr religiöser Art, überflügelte leicht einen Fanatismus, den nur die Vernunft ausgebrütet hat; [173] ferner stehen ihnen jene mächtigen Formeln zu Gebot, womit man den rohen Pöbel beschwört, die Worte »Vaterland, Deutschland, Glauben der Väter« usw. elektrisieren die unklaren Volksmassen noch immer weit sicherer als die Worte »Menschheit, Weltbürgertum, Vernunft der Söhne, Wahrheit...!« Ich will hiermit andeuten, daß jene Repräsentanten der Nationalität im deutschen Boden weit tiefer wurzeln als die Repräsentanten des Kosmopolitismus und daß letztere im Kampfe mit jenen wahrscheinlich den kürzern ziehen, wenn sie ihnen nicht schleunigst zuvorkommen... durch die welsche Falle.

In Revolutionszeiten bleibt uns nur die Wahl zwischen Töten und Sterben.

Man hat keinen Begriff von solchen Zeiten, wenn man nicht etwas gekostet hat von dem Fieber, das alsdann die Menschen schüttelt und ihnen eine ganz eigene Denk- und Gefühlsweise einhaucht. Es ist unmöglich, die Worte und Taten solcher Zeiten während der Windstille einer Friedensperiode, wie die jetzige, zu beurteilen.

__________________________

Aus: Heinrich Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1840, Drittes und Viertes Buch, S.163-173.

Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 6, Berlin und Weimar 21972, S. 141-170 und 170-206.
Die Seitenzahlen des Originals sind im Text in rechteckigen Klammern gekennzeichnet. Rechtschreibung nach dieser Ausgabe.

Online bei Zeno:
Permalink:

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http://www.zeno.org/nid/20005030404 Lizenz:

Gemeinfrei

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

 

 

4. Links und Literatur (im Aufbau)

a) Zu Börne und Heine:

Auf Links zu Wikipedia wurde hier verzichtet.

Willi Japser: Keinem Vaterland geboren - Ludwig Börne. Eine Biographie, Hamburg (Hoffmann und Campe), 1989.

Eintrag zu Börne im Autorenlexikon des Vormärz

Eintrag zu Börne in der Preußen-Chronik

Heinrich-Heine-Net

Heinrich-Heine-Denkmal.de

 

b) Allgemein:

Der Hessische Landbote von Georg Büchner auf Wikisource

 

Weiteres folgt...

 

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