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Hexenverfolgung -
kein Thema des Mittelalters, sondern der Frühen Neuzeit

Übersicht:

1. Einführung
2. Frontispiz Warhafftige Zeitung von den gottlosen Hexen ... zu ... Schletstatt ... 1571”
3. Notizen zur Entstehung des Hexenglaubens und der Hexenverfolgung
4. Links zum Thema

 

Einführung:

Über wenige Ereignisse in der Geschichte der Frühen Neuzeit sind so viele einander widersprechende Erklärungen im Umlauf wie über die massenhaften Hexenverfolgungen vom 16. – 18. Jahrhundert. Seit über 15 Jahren bemüht sich die neuere Hexenforschung, lang bestehende (Vor)Urteile (Frauenverfolgung - Ausgrenzung von Minderheiten - Ausschaltung medizinischer Konkurrenz) zu diesem Themenkomplex zu widerlegen. Religions-, Justiz-, Sozial- und Geschlechtergeschichte sind hier involviert. Die massenhafte Hexenverfolgung ist nicht ins Mittelalter zu datieren, sondern ein Phänomen der beginnenden Moderne, etwa seit dem 15. Jahrhundert.* Die Zahlen der Opfer (ca. 70.000 in ganz Europa) sind korrigiert worden ebenso wie die Aufteilung der Opfergruppen (ca. 20-30% waren männlich). Die regionale Verteilung der Prozesse wird immer differenzierter untersucht. Alle monokausalen Ursachenzuschreibungen (die Kirche, der Staat, die Männer …) haben sich als unzulänglich erwiesen.

* Das Gleiche gilt übrigens das jüdische Ghetto , siehe dazu auf  juedischegeschichte.de : hier).

 

Flugschrift_hexen_1571

Flugschrift Reinhard Lutz: Warhafftige Zeitung von den gottlosen Hexen ... zu ... Schletstatt ... 1571. Source: Hexen und  Hexenverfolgung im deutschen Südwesten. Katalogband 1994, p. 115.

Wikimedia Commons

3. Notizen zur Entstehung des Hexenglaubens und der Hexenverfolgung:

Am Anfang stand der Hexenhammer  (Malleus maleficiarum), ein Buch, das aller Wahrscheinlichkeit nach der Dominikaner Heinrich Kramer unter dem Namen Henricus Institoris offenbar 1486 in Speyer veröffentlichte und wohl als direkte Umsetzung der Bulle Summis desiderantes affectibus, der sog. Hexenbulle, von Papst Innozenz VIII. vom 5.12.1484 gesehen werden darf.  Zur Autorenschaft und Entstehung des Hexenhammers siehe die Darstellung von Werner Tschacher auf historicum.net: hier.

Tschacher, Werner: Malleus Maleficarum (Hexenhammer). In: Lexikon zur  Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL:  http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5937/ [06.8.2010]

Zusammenfassung (Regest) der Bulle Summis desiderantes affectibus, von Hansen 1901:
Papst Innozenz VIII.  ermächtigt die beiden in Deutschland tätigen Inquisitoren Heinrich  Institoris und Jacob Sprenger, gegen die Zauberer und Hexen gerichtlich  vorzugehen. Er erklärt den Widerstand, den dieselben seither in Kreisen  von Klerikern und Laien bei dieser Tätigkeit gefunden haben, für  unberechtigt, da diese Verbrecher tatsächlich unter die Kompetenz der  Ketzerrichter gehören, und beauftragt den Bischof von Straßburg, die den Inquisitoren etwa entgegengesetzten Hindernisse durch die Verhängung  kirchlicher Zensuren zu beseitigen. (Wikipedia)

Die oberste kirchliche Autorität darf jedoch nicht als die entscheidende treibende Kraft in Sachen Hexenglauben und Hexenverfolgung gesehen werden, vielmehr eagierte sie mit der Bulle wohl auf einen seit den 70er Jahren des 15. Jh.s um sich greifenden Wahn vom Schadenszauber von Hexen und Dämonen, den Werner Tschache, Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer  und andere “mit dem Beginn der so genannten ’Kleinen Eiszeit’, einer gravierenden  Klimaverschlechterung, Hungerkrisen und Epidemien in Mitteleuropa” als Erklärung in Verbindung bringen (historicum net, s.o., sowie in der Einleitung zum Hexenhammer bei dtv, siehe unten).

Die Kirche hatte damit einer erstaunliche Kehrtwendung in dieser Frage unternommen: “Der Canon Episcopi, der die offizielle Position der Kirche bis ins 13. Jh. repräsentierte, nahm an, daß die Taten der Hexen Illusionen und Phantasien seien, die im Traum entstanden, und folglich war der Glaube an die wirkliche Existenz der Hexen heidnisch und ketzerisch. Später vertrat die Kirche die genau entgegengesetzte Position, nämlich, daß der Hexenkult eine wirkliche Religion mit dem Teufel als Gott ist und daß die Hexen durch seine Unterstützung tatsächlich all die Dingen vollbringen können, die ihnen zugeschrieben werden [...]. Dadurch wurde jeder Zweifel an der wirklichen Existenz des Hexenkults und an seiner Magie zur Ketzerei.”
Frank Donovan: Zauberglaube und Hexenkult. Ein historischer Abriß, München (Goldmann),1982,  S.83. [Never on a Broomstick, 1971].

Für das Umschwenken der kirchlichen Autoritäten in dieser Frage - von den Orden bis zum Papst - ist im ausgehenden 15. Jh. mit Sicherheit die zunehmende Herausforderung durch Kirchenkritik, Ketzerbewegungen und die heraufziehende Reformation zu sehen, als deren erster, damals noch tragisch gescheiterter Protagonist der bereits 1415 auf dem Konzil in Konstanz verbrannte Jan Hus angesehen werden darf.

Wird fortgesetzt...

 

Digitale Ausgaben des Hexenhammers:

Faksimilé der Lateinischen Ausgabe von 1490 in der Wolffenbüttler Digitalen Bibliothek: hier.

In der Witchcraft Collection der Cornell University gibt es neben den gescannten Faksimilés auch den transkribierten und damit leichter zu lesenden lateinischen Text: hier.

Deutsche Buchausgabe:
Heinrich Kramer (Institoris): Der Hexenhammer. Malleus Maleficiarum. Neu aus dem Lateinischen übertragen von Wolfgang Behringer, Günter Jerouschek und Werner Tschacher, herausgeg. und eingeleitet von Günter Jerouschek und Wolfgang Behringer, München (dtv), 2000.

4. Links zum Thema:

Als guten Einstieg und zum Überblick darf hier die Seite von Wikipedia empfohlen werden: hier
Außerdem gibt es auf Wikisource eine gute Sammlung von Quellen vom 16.-19. Jh. sowie weitere Linklisten: hier

Unverzichtbar zum Überblick, zum Einblick für die fortlaufende aktuelle Diskussion, für zahlreiche Fach- und auch Unterrichtstexte
(E-Texte) ist das Fachportal historicum.net: hier.

Digitale Ausstellung:
"...möchten verbrennet werden". Ausgrenzung und Gewalt gegen Ketzer, Juden, Hexen ... auch in der hessischen Geschichte. Ausstellung der Hessischen Staatsarchive 1994: hier

Digitale Ausstellung: Hexenwahn -Ängste der Neuzeit. Online-Produkt einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums von 2002
http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/ausstellung.htm

Für passionierte Sucher gibt es dann noch auf Archives of HEXENFORSCHUNG@LISTSERV.DFN.DE die Mailingliste zur Erforschung der historischen Hexenverfolgungen - Witchcraft Research - mit Suchfunktion: hier.

Homepage des AKHI (Arbeitskreis interdisziplinäre Hexenforschung) an der Universität Tübingen mit weiterführenden Links: hier

 

Quellen und didaktische Angebote:

Thomas H. Meyer: Die große europäische Hexenverfolgung. Eine geschichtliche Unterrichtsreihe für Klassenstufe 8. Pädagogische Arbeit zur Zweiten Staatsprüfung, Saarland, 2007 : hier (Download pdf)

Unterrichtseinheit für 9. Klasse Realschule von Peter Will: hier

Wolfskraut und Feuertod - Hexen und Hexenwahn; Schulmaterial, Bayerischer Rundfunk: hier

Gerhard Schormann: Der Krieg gegen die Hexen. Das Ausrottungsprogramm des Kurfürsten von Köln. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991 -jetzt auch digitalisiert im Internet: hier.

“Hexen” als Thema von Filmen: eine prägnante analytische Darstellung  zum Thema Hexen in Filmen von 1896 bis 1999 gibt es von der Medienwissenschaft der Universität Hamburg: hier.

Christina Bechold: Männer als Opfer der Hexenverfolgung. Didaktische Hausarbeit an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main 2006/07. UE zum Text von Hermann Löher auf historicum.net: hier

Ludolf Pelizaeus, Arbeitskreis Hexenprozesse in Kurmainz:
Hexenprozesse in Kurmainz: "bestraffung des abscheulichen lasters der zauberey". Dieburger Kleine Schriften. Hrsg. von der archäologische und volkskundlichen Arbeitsgemeinschaft Dieburg. 2004 - CD-ROM (ISBN 3-938455-00-4)
Umfangreiches Online-Angebot

Hexen. Analysen, Quellen, Dokumente. Digitale Bibliothek Bd. 93. Berlin 2003. Directmedia Publishing GmbH. ISBN: 3-89853-193-7. CD ROM - 29,90 €. - Inhalt der CD-Rom: hier.

 

 

 

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