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Thema: Absolutismus

Die jüngere Geschichtsschreibung ist vom Absolutismus als Epochenbegriff abgerückt, da sich der Absolutismus in Reinkultur nur in Frankreich durchgesetzt und ziemlich zeitgleich England ein parlamentarisches Gegenmodell begründet hat, Die Nachahmung des Absolutismus durch die Territorialfürsten im Heiligen Römischen Reich ist, was die Ausschaltung der Landstände angeht,  nur bedingt gelungen, während die Fürsten ja selbst im Reichstag ein ständisches Element gegen den Kaiser darstellten. Die Imitation des französischen Vorbilds im Schlösserbau hat früher den Blick auf diese politischen Realitäten geblendet. Dennoch prägte der französische Absolutismus eine Epoche und war vielleicht auch eine notwendige Voraussetzung für den Ausbruch der französischen Revolution.

Kritik am Absolutismus Ludwigs XIV. durch Johann Joachim Becher*, einem Universalgelehrten aus Speyer, in seiner Schrift Machiavellus Gallicus, 1674:

* zu Becher siehe auf unserer Seite Frühe Wissenschaft

1. Die Französische Königliche Monarchie / ist zu dem End von Gott in die Welt gesetzt / damit sie / als eine Regiererin des Aller-Edelsten Volcks / die allgemeine Monarchie des gantzen Europa an sich bringe / und folgends das vollkommene Arbitrium über den ganzen Erdenkreis in Händen haben und führen solle. Auberii in noto tract. p.151, 153, 156. & circa sinem de Delphino loquens. Item der vorherige Bischof zu Ambrun / nunmehr zu Metz / in seiner Harangue an den König daselbst / Anno 1673. Dieser Anfang ist gut / dann ists gleich nicht wahr / so lautet es doch wol: Also mußte man dem Pöbel weiß machen / und ihm die Ohren / das Maul und den Beutel aufsperren / damit er sich etwas von seinem König einbilde.

2. Denn gleich wie nur ein Gott / und ein wahrer Glaub ist / also soll nur ein König / nur ein Regiment / nur ein Gesetz / und solches alles Französisch sein. Un Dieu, un Foy, une loy, une monnoye: Reime dich / Bundschuch!

3. Und weil gegenwärtiger König in Frankreich / Ludovicicus der XIV. hierzu von Gott erwehlet / und darum hierzu mit Recht à Deo datus zu nennen / (Auberii d. p. 151) so ist billich / daß selbiger / zu Bedeutung dieser herrlichen Praedestination und Paeminenz , ein äußerliches Kenn-Zeichen und Symbolum oder Sinnbild führe / seine Vocation udn Meinung dadurch an Tag zu geben. Zu welchem End sich dann nicht füglicher geschickt / als die Sonn; nemlich nach seinem Sinn. Dahero sich mit diesem edlen Geschöpf Gottes / in der Natur nichts / als der König in Frankreich vergleichen läßt: Grilli Cantanti! dessen muß man die Narren überreden. Denn es wird die Erfüllung seiner desseins an ihm mit der Sonn geschehen / wie mit dem Mond an Henrico dem II.

4. Warum? Es ist nur eine Sonn; also soll nur ein Welt-Monarch und dieses der Französische sein. Die sonn ruhet nimmer / also auch die Französische Regier-Sucht. Die Sonn ist feurig und hitzig / also auch der Französische Humor. Die Sonn ist Herrscherin des Gestirns; die Franzosen sollen es sein der Erden / (si Diis placet.) Die Sonn erwecket die Welt / das thut auch das Französische Geld. Die Sonn blendet die Augen: Französisches Geld und Wort das Gemüt. Am Feuer brennt man sich / also auch an den Franzosen. Die Sonnenstrahlen durchdringen das innersten der Erden / mit ihren Kräften: Die Französische Goldstrahlen durchdringen auch die geheimeste Rahts-Kammern der Könige und Fürsten / etc. Wenn wolte nun leugnen / daß der König in Frankreich / nicht das Sinnbild der Sonnen mit Recht führe?

5. Aber Messieurs, avec votre permission, laßt mich auch ein suppositum machen. Phaeton vermaste sich / die Sonn und seines Vatters Wagen zu führen / steckte dadurch die Welt mit Feuer an / und stürzte sich selbst das Verderben. König Ludwig der 14te in Frandckreich / führet die Sonn / unterwindet sich / seines Großvattern große Ratschläge hinaus zu führen / steckt die Christen-Welt darüber mit Feuer, Mord und Kriegs-Brand an. Sollte er sich dadurch nicht eben so wol können stürzen? Wie wird der dermaleins lauten?

Gallicus ehen ! [?]
Hic Situs est Phaeton corrus Promotor aviti.
Quemsi non tenuuit, magnis saltem excidit ausis !

Dis wird der also schicken / der das deposuit potentes mit allen Welt-Zwingern und Tyrannen / von Anfang der Welt her / auf dem Pariser Glücks-Rad gespielet hat.

6. Hola!   Es ist heutigen Tags gefährlich / Propheten abzugeben / man schickt sie ai pazzarelli oder gar in die Bastille. [...]

Machiavellus Gallicus, Das ist: Verwandelung und Versetzung der Seele Des Machiavelli in Ludovicum XIV. dem König von Franckreich : Vorgestellet durch hundert Politische Frantzösische Axiomata, In welchen Der Frantzosen Staats- und Kriegs-Maximen und Practicquen/ welcher sie sich gebrauchen/ Jedem offentlich zu sehen vorgestellet werden.
[...] Beschrieben Durch einen Ehrlichen Teutschen / der im Mund und Hertzen / wie einem jeden ehrlichen Teutschgebohrnen und gesinnten / Er sey hoch oder niedrigen Standes / von GHott / Gewissen / Ehr / Geblüt und Pflichts wegen eignet und gebühret / gut Käyserisch / in der Faust aber und Feder gatz nicht gut Französisch ist. Gedruckt im Jahr 1675.

Die Schrift enthält keine Seitennummerierung, der Auszug stammt von S. 3-4.

Digitalisiert bei Google: hier

Die anonyme Schrift erschien wohl erstmalig 1674 (siehe zu Becher auf unserer Seite Wissenschaft).

Anmerkungen:
Auberius: Es handelt sich um Antoine Aubéry, der 1667 sein Buch Traité des justes prétentions du Roy sur l’Empire herausbrachte, auf dessen lateinische Ausgabe Becher sich bezieht, Das Buch, das Aubery keineswegs in königlichem Auftrag schrieb,  wurde in Europa als Ausdruck des Größenwahns Ludwigs XIV. aufgefasst und brachte dem Autor deswegen drei Monate Haft in der Bastille auf Geheiß des Königs ein (siehe Wikipedia frz.: hier)
harangue: Ansprache, (Lob-)Rede



un foy” richtig: une foy (une foi)
Ein Gott, ein Glaube, ein Gesetz, ein Geld (eine Währung)
Bundschuh: unklare Anspielung auf das Symbol der Bauernaufstände des 15./16. Jh.s
Ludovicius: eigtl. Ludivocus; Wortspiel mit frz. vice (lat. vitium) = Fehler, Untugend, Laster, Unmoral
a Deo datus: von Gott gegeben





grilli cantanti: singende Grillen; “Grillen” war ein Ausdruck für Spinnereien
desseins: frz. Pläne, Ziele
Henricus II: unklare Anspielung auf Heinrich II., der 1559 bei einem Turnier anlässtlich des Friedensschlusses mit Habsburg durch einen Unfall ums Leben kam.


















 

 

Das lateinische Zitat überträgt den Sturz Phaetons auf den des Gallicus - des Franzosen

deposuit potentes: Anspielung auf das Canticum der Ankündigung der Geburt Jesu durch Maria im Lukasevangelium:
Deposuit potentes de sede
et exaltavit humiles. /
Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. (Wikipedia)


ai pazzarelli: ital. = ins Irrenhaus; die Bastille war das berüchtigte Gefängnis des französischen Königs für seine Widersacher und negatives Symbol des Absolutismus


 

Kommentar:

Die politische, streckenweise satirische Schrift Bechers verbindet eine grundsätzliche Kritik am Absolutismus mit einer antifranzösischen Stioßrichtung von einem national deutschen Standpunkt aus, der durch die Eroberungskriege unter Ludwig XIV., aber letztlich zuvor schon durch die letzte Phase und das Ergebnis des Dreißigjährigen Kriegs geprägt wurde. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Schrift stand der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688-97) noch aus, der für Deutschland verheerendste Krieg Ludwigs hatte also noch gar nicht stattgefun- den, wohl aber bereits dessen Vorspiel, die Reunionskriege seit 1667, die darauf abzielten den französischen Anspruch auf das linksrheinische Gebiet als angebliche Wiedervereinigung (réunion) mit ursprünglich französischen Territorien zu verwirklichen.

Becher vermischt rhetorisch geschickt die Übernahme der zentralen Argumente des absolutistischen Selbstverständnisses Ludwigs XIV. nach Aubéry mit seiner eigenen kritischen Interpretation dieser Argumente. Dieses in der Analyse herauszulösen - ganz nach dem Wortsinn des Begriffes Analyse - ist eine schöne Aufgabe.

W. Geiger, 29.8.2010

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